Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV)

 

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Shared space in Deutschland

Shared space in Deutschland, ein Flop für blinde und sehbehinderte Menschen?

 

Die Gestaltung von öffentlichen Mischverkehrsflächen nach der Idee von "Shared Space" des Verkehrswissenschaflers Hans Mondermann aus den Niederlanden findet nach wie vor bei Universitäten und Hochschulen, Planern, Politikern, Ländern und Kommunen in Deutschland großes Interesse. Über das EU-Projekt wurde umfassend in den allgemeinen Medien sowie in der "Gegenwart" und im „Horus“ mehrfach ausführlich berichtet.

 

Im Mai 2008 wurde in der niedersächsischen Gemeinde Bohmte die erste Mischverkehrsfläche nach der Idee "Shared Space" für den Verkehr freigegeben. Was ist seit dem geschehen? Konnten die Versprechungen wie Senkung der Unfallzahlen, gegenseitige Rücksichtnahme von allen Verkehrsteilnehmern, bessere Verkehrsführung etc. eingehalten werden?

Der Gemeinsame Fachausschuss für Umwelt und Verkehr (GFUV) hat den Alltag in Bohmte kritisch beobachtet. Der Besucherstrom reißt noch nicht ab, um sich die Gestaltung der Bremer Straße auf einer Länge von ca. 800 m nach der Idee „Shared Space“ anzusehen.

Die Beobachtungen blinder und sehbehinderter Verkehrsteilnehmer über einen längeren Zeitraum sind  äußerst bedenklich. Schon nach kurzer Eingewöhnungsphase wurde von einigen Autofahrern die gewünschte 30-km/h-Grenze überschritten. Insbesondere bei den bis zu 1000 LKWs pro Tag wurden Verkehrsraudis beobachtet. Es ist festgestellt worden, dass LKW-Fahrer ihre Ausweichmanöver bis auf die Leitstreifen ausdehnen.

Foto mit durchfahrendem Lkw

Die ursprünglich 3 cm hohen Ausrichtkanten an den Querungen werden durch die Last der LKWs abgesenkt, so dass sie keine Funktion mehr haben.

Fehlende Bordsteinkanten verhindern Ausrichtung

Auf den Leitstreifen wird geparkt.

Der Gemeinsame Fachausschuss für Umwelt  und Verkehr (GFUV) konnte seinerzeit durchsetzen, dass ein von ihm empfohlenes Blindenleitsystem bestehend aus Leitlinien und Querungshilfen mit Noppenplatten nach heutigem technischem Stand eingebaut wurde.

Leitlinie mit Aufmerksamkeitsfeld in der Gemeinde Bohme

Leitsystem in der Gemeinde Bohmte

Hier Empfehlungen zu geben, war für den GFUV äußerst schwierig, da es bislang noch keinerlei Erfahrungen In Deutschland mit derartig gestalteten Mischverkehrsflächen gab. Das Leitsystem wurde von blinden und sehbehinderten immer unter Beobachtung von Orientierungs- und Mobilitätstrainer/innen oder anderen sehenden Personen getestet.

Ergebnis: Die weniger Mutigen und zusätzlich Höreingeschränkten können sich nicht sicher im umgestalteten Verkehrsraum bewegen. Eine Querung der Fahrfläche ist Immer mit Gefahren verbunden und bei hohem Verkehrsaufkommen unmöglich. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hat eine Tagung "Mischverkehrsflächen und "Shared Space" - Lösungsansätze für mobilitätseingeschränkte, insbesondere sehbehinderte und blinde Menschen" vom 28. bis 30.08.2008 in Osnabrück veranstaltet. Hier wurden Untersuchungsergebnisse und Erkenntnisse aus einigen europäischen Ländern von Verkehrsexperten verschiedener Disziplinen zusammengetragen.

Ein zentraler Punkt der Tagung war der Besuch des durch die EU geförderten ersten deutschen "Shared Space"-Projektes im niedersächsischen Bohmte. Die Erfahrungen der mehr als 80 Teilnehmer wurden ausgewertet und von Betroffenen und Experten diskutiert. Auf dieser Basis formulierten die Anwesenden Anforderungen mit dem Ziel, bei solchen Projekten zukünftig die Entstehung von "No-go-Areas" für blinde und sehbehinderte Menschen zu verhindern. Die darin niedergelegten Gestaltungsgrundsätze wenden sich vor allem an Planer, Verkehrsgestalter und Politiker in Kommunen und Ländern. Die Tagungsteilnehmer erwarten, dass bei der Planung und Ausführung zukünftiger "Shared Space"-Projekte die Anforderungen des Kriterienkatalogs im Interesse des GFUV berücksichtigt werden, um ein wirklich barrierefreies "Shared Space" zu schaffen.

Getragen wird dieses Anforderungsprofil von Organisationen der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe aus Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Österreich.

 

Die Geschäftsführung des deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes hat zeitgleich dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Städteentwicklung Vorschläge zur Ergänzung der Straßenverkehrsordnung zu „Shared Space“ unterbreitet und um Aufnahme in die STVO gebeten.

 

Wie geht es weiter?

Der GFUV hat eine große Umfrage bei Universitäten und Hochschulen, Raumplanern, Fahrschulen, Kommunen und der Polizei durchgeführt. Alle Befragten sehen in der Shared-Space-Idee eine Chance, das Miteinander im Straßenverkehr zu verbessern. Fachexperten sind der Auffassung, dass die Umsetzung der Shared-Space-Idee ein jahrelanger Prozess sein wird.

 

Findet dieser Prozess ohne Beteiligung der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe statt?

 

Was tut die Gemeinde Bohmte zur Verbesserung der Situation?

Ein Gespräch mit dem Leiter der örtlichen Polizeidienststelle lässt Hoffnung aufkommen. Für die gesamte Bremer Straße in Bohmte wurde eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h für LKW’s über 7,5 t festgesetzt. Die Polizei stellt fest, dass es seit Freigabe noch zu keinem Unfall, der mit „Shared Space“ in Verbindung steht, gekommen ist. An der früheren Ampelkreuzung haben sich im Schnitt jährlich 40 Unfälle, teils mit Personenschaden, ereignet. Der Verkehr läuft erheblich ruhiger und flüssiger. Die Verkehrslösung wird von den Bürgern in Bohmte sehr positiv angenommen. Man wünscht sich einen baldigen weiteren Ausbau der Bremer Straße nach dem gleichen Konzept. Vertreter der Polizei und der Gemeindeverwaltung führen durch Vorträge und Informationsveranstaltungen in Kindergärten, Schulen und Vereinen an das neue Modell heran. Mit Erstaunen wird registriert, dass insbesondere ältere Menschen mit dem Konzept „Shared Space“ sehr zufrieden sind.

 

Das Blindenleitsystem mit seinen Querungshilfen wird für Kinder und ältere Menschen als Aufmerksamkeitslinie betrachtet. Die in einem Abstand von ca. 1 m zu den Leitstreifen eingebauten Wassereinlaufrinnen sollen eine Begrenzung  der Fahrfläche für Kraftfahrzeuge darstellen und unbedingt Beachtung finden. Die Kindergärten und Schulen melden keine Probleme. Nach Beobachtungen der Polizei verhalten sich PKW-Fahrer, abgesehen von wenigen Ausnahmen, vorbildlich. Anders sieht es bei den LKW-Fahrern aus. Der Schwerlastverkehr wird scharf kontrolliert, und Geschwindigkeitsüberschreitungen sowie rücksichtsloses Fahrverhalten wird hart bestraft. Für diese Vergehen wurde LKW-Fahrern bereits der Führerschein entzogen. Durch diese Maßnahmen wurde das LKW-Aufkommen erheblich reduziert. Die Parker auf den Leitstreifen werden immer wieder über die Bedeutung der Leitlinien informiert, so dass hier auch bereits eine Verbesserung eingetreten ist.

 

Der Polizei sind die Probleme Blinder und Sehbehinderter bekannt. Die Aufnahme der Blindenleitsysteme als amtliches Verkehrszeichen in die Straßenverkehrsordnung wird auch von der Polizei als dringend notwendig angesehen.

Von Seiten der Polizei und der Gemeinde Bohmte wurde eine weitere Unterstützung bei der Entwicklung einer verbesserten  barrierefreien Gestaltung in der Mischverkehrsfläche nach Shared Space zugesagt. Die Situation in Bohmte kann nur als Anfang eines langwierigen Prozesses gesehen werden. Die Planung für den zweiten Bauabschnitt der Bremer Straße in Bohmte nach der Idee „Shared Space“ wird durch ein Studienprojekt der Hochschule Bremen begleitet. Die Hochschulen Osnabrück und Münster erstellen eine Zufriedenheitsanalyse. In die vorgesehenen Untersuchungen der Hochschulen müssen die noch bestehenden Missstände für Blinde und Sehbehinderte mit einfließen.

 

Der GFUV hat weit reichende Kontakte zu Universitäten und Hochschulen in Deutschland und dem benachbarten Ausland aufgenommen, um die Weiterentwicklung eines modernen Verkehrskonzeptes wissenschaftlich zu begleiten. In zahlreichen Kommunen sind bereits Planungen in Richtung Shared Space im Gespräch.

 

Die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe mit ihren Regionalvereinen sollte jeweils vor Ort die Planungen der Städte und Gemeinden aufmerksam verfolgen und begleiten, damit ein bundeseinheitliches barrierefreies Verkehrskonzept entsteht.

 

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