Von der Raupe zum Schmetterling
Er macht die Schönen dieser Welt noch schöner: René Koch hat schon Promis wie Judy Winter, Mireille Mathieu und Hildegard Knef geschminkt. Genauso gerne bringt der Star-Visagist aber blinde und sehbehinderte Frauen zum Strahlen. Mit welchen einfachen Tricks sich tolle Effekte erzielen lassen, zeigt der prominente Berliner beim Louis Braille Festival der Begegnung 2012.
Herr Koch, ich habe gelesen, dass Sie eigentlich Pfarrer werden wollten. Warum sind Sie dann doch Visagist geworden?
René Koch: Ich finde das gar nicht so abwegig. Meine Tante war Äbtissin in einem Kloster und als Kind habe ich dort häufig die Ferien verbracht. Dabei habe ich viel von den Kräuterschwestern gelernt, die im Klostergarten gegen jedes Zipperlein ein Kraut züchten und daraus beispielsweise Salben herstellen. Jetzt predige ich eben Schönheit. Und dass man sich etwa abschminkt, bevor man ins Bett geht, oder auf seine Ernährung achtet, sind im Grunde ja auch Gebote – Schönheitsgebote.
Übrigens habe ich durch meine Mutter schon sehr früh gelernt, mich mit schönen Dingen zu umgeben. Sie war Schneiderin und ihre Kundinnen kamen zu uns nach Hause, um ihr Kleid kürzen oder den Rock verändern zu lassen. Anschließend wurden sie dann noch richtig hübsch gemacht. Auch meine Mutter selber war sehr elegant, hat Lippenstift und Make-up getragen und sah mit Hut und schickem Rock immer aus wie ein Model. Bei ihr konnte ich mir vieles abgucken.
Welche Berühmtheiten haben Sie schon geschminkt und welche sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir Hildegard Knef, die ich über Jahrzehnte geschminkt habe. Die Knef hatte eine ganz starke Brille und hat immer gesagt: "Ich bin blind wie ein Maulwurf." Wenn sie einen großen Auftritt hatte, habe ich sie geschminkt, ihr Wimpern angeklebt usw. Aber die Knef konnte das später auch selber – sozusagen blind – machen, weil sie einen ganz feinen Tastsinn hatte. Dann habe ich auch Hollywood-Stars wie Joan Collins, Jodie Foster oder Brigitte Nielsen geschminkt und hier in Deutschland zum Beispiel Mireille Mathieu, Nadja Tiller, Christiane Hörbiger und Christine Neubauer.
Sie waren als Chefvisagist bei Charles of the Ritz und Yves Saint Laurent unter anderem in Paris, London, New York und München tätig. Warum hat es Sie nach mehr als zwanzig Jahren doch wieder zurück nach Berlin verschlagen?
Nachdem ich 1965 von Heidelberg nach Berlin gekommen war, hatte ich hier immer meine Wohnung. Wenn ich zum Beispiel für ein paar Wochen in England – in London, Manchester oder Birmingham – war, bin ich anschließend immer wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt. Berlin ist meine Heimat. Als ich zum ersten Mal über den Ku'damm ging, wusste ich: Hier bleibe ich! Romy Haag singt in einem Chanson: "In meiner Stadt darf ich ich sein." Deshalb zieht es mich immer wieder nach Berlin: Ob man außergewöhnlich ist, bieder, verrückt oder eigenbrötlerisch – Berlin hat Platz für jeden!
Von Ihrem Kosmetiksalon in Wilmersdorf ist es nicht weit bis zum Louis Braille Festival im Berliner Tempodrom, an dem Sie sich mit einem speziellen Angebot beteiligen. Was genau erwartet die Besucher?
Wir werden einen Schminkstand aufbauen, an dem wir beispielsweise Tipps geben, was man bei Hautproblemen machen kann. Das hat mit Make-up erst mal gar nichts zu tun, sondern da geht es um den Schutz der Haut, etwa vor Kälte und Wärme. Das betrifft Frauen und Männer gleichermaßen. Den Damen zeige ich natürlich auch, wie sie Lippenstift und Lidschatten auftragen. Und wir haben Schablonen da, um Augenbrauen einzuzeichnen. Das heißt, ich biete den Besucherinnen Hilfe zur Selbsthilfe. Schließlich macht es wenig Sinn, wenn ich sie einmal schön schminke, sie es dann aber zu Hause nicht nachmachen können. Um zu zeigen, was möglich ist, bringe ich auch eine blinde Frau mit, die an meinen Seminaren teilgenommen hat. Sie schminkt sich mittlerweile in zehn Minuten – komplett mit Make-up, Rouge, Puder, Lippenstift, Lidschatten, Lidstrich und Wimperntusche.
Auch außerhalb des Festivals bieten Sie kostenlose Schminkkurse für blinde und sehbehinderte Frauen an. Wie haben Sie sich beim ersten Mal darauf vorbereitet? Woher wussten Sie als Sehender, worauf zu achten ist?
Ich habe das zunächst bei mir selbst ausprobiert. Ich habe mich bei Neumond – als es ganz dunkel war – in mein Studio gesetzt, alle Lichter ausgemacht und mich geschminkt. Als ich dann das Licht wieder angemacht habe, dachte ich: "Das hast du doch ganz gut hinbekommen." Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, gebe ich nun an die Kursteilnehmerinnen weiter. Zum Beispiel, dass man nicht die Wimperntusche ans Auge führt, sondern die Wimpern an die Tusche: Man hält die Tusche vor das Auge, geht mit dem Kinn nach vorne und sobald die Härchen an die Spirale stoßen, blinzelt man einfach ein paar Mal. Ich biete diese Kurse seit zwei Jahren an, weil ich möchte, dass blinde bzw. sehbehinderte Frauen dieselben Chancen und Möglichkeiten haben wie Sehende – sei es im Berufsleben, beim Rendezvous mit einem Mann oder im Alltag.
Abgesehen davon, dass die blinden und sehbehinderten Frauen dank Ihrer Schminktipps toll aussehen, kann man sagen, dass Ihre Kundinnen Ihren Salon mit einem anderen Gefühl verlassen, als sie ihn betreten haben?
Ja! Meistens ist es so, dass die Frauen schwerer reinkommen und leichter rausgehen. Sie kommen sozusagen als Raupe und gehen als Schmetterling.
Sie haben am Anfang gesagt, dass Promis wie Hildegard Knef und Jodie Foster zu Ihren Kundinnen zählten. Daher zum Schluss die Frage: Ist es für Sie ein Unterschied, ob Sie Stars schminken oder Menschen von nebenan?
Nein, das ist gar kein Unterschied – ich schminke alle Frauen gleich gerne! Denn am Schluss zählt das Resultat, also dass sich meine Kundin schöner fühlt. Und wenn ich sie richtig zum Blühen bringen kann, wird eine blinde Frau in dem Moment auch zum Star.
Dieses Gespräch führte Andrea Temminghoff. (Originalton auf DBSV-Inform)
Dazu ein Bild: René Koch bei einem seiner Schminkkurse für blinde und sehbehinderte Frauen: ein Blick in sein Studio – mit Perücken, Pinseln und Puderquasten
Künstler, Service und Aktionen: Was Sie beim Festival erwartet, erfahren Sie in den nächsten Ausgaben der "Gegenwart" und im Internet unter
www.dbsv-festival.de
Kurzinfo: Louis Braille Festival der Begegnung 2012 Berlin
Freitag, 1. Juni 2012 14 Uhr, bis Sonntag, 3. Juni 2012, 14 Uhr
Berlin, Tempodrom am Anhalter Bahnhof
Eintritt frei!
Infos, Hotelbuchung und Anmeldung
Tel.: 0 30 / 25 00 23 84
Mo.-Fr. 9-19 Uhr
Sa. 10-18 Uhr
So. 10-14 Uhr
Feiertags 10-18 Uhr
oder
www.dbsv-festival.de
Kurzinfo: Spenden erwünscht!
Unterstützen Sie das Louis Braille Festival 2012. Überweisen Sie eine Spende auf das Konto des DBSV:
Kontonummer: 32 733 00
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ: 100 205 00
Verwendungszweck: "Spende für das DBSV-Festival 2012"
Oder spenden Sie direkt über das Formular unter
www.dbsv-festival.de/spende
Helfer auf dem Festivalgelände
Beim Louis Braille Festival der Begegnung 2012 sind blinde und sehbehinderte Menschen selbstverständlich auch dann willkommen, wenn sie allein anreisen. Allerdings ist das Tempodrom mit seiner außergewöhnlichen Architektur und dem großen Außengelände erst einmal eine Herausforderung, wenn man sich nicht visuell orientieren kann. Vor Ort werden deshalb jede Menge Helfer gebraucht, um die Besucher in Empfang zu nehmen, zu den Attraktionen zu führen, aber auch, um bei den Aktivitäten zu unterstützen und vieles mehr. Die Bayer HealthCare stellt dafür ein 200-köpfiges Kontingent zur Verfügung. Es handelt sich um Mitarbeiter der Standorte Berlin und Leverkusen, die für das Festival von ihrer normalen Arbeit freigestellt werden. Darüber hinaus übernimmt Bayer unter anderem Reise- und Hotelkosten sowie die Verpflegung.
Für ihren Einsatz werden die Freiwilligen gründlich vorbereitet. Um ihnen die Grundregeln des Führens zu vermitteln und sie für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen zu sensibilisieren, werden Mobilitätstrainer im Auftrag des DBSV Schulungen an den Firmenstandorten durchführen. Dazu gehören Übungen unter der Augenbinde, weil so besonders eindrucksvoll und effektiv vermittelt werden kann, worauf es beim Führen ankommt.
Wenn dann am Festivalfreitag um 14 Uhr das Programm startet, werden die Bayer-Mitarbeiter schon eine Frühschicht hinter sich haben, denn natürlich müssen sie die Stolperfallen vor Ort kennen, wissen, wo die Programmpunkte des Festivals stattfinden, und in der Lage sein, auf möglichst direktem Wege dorthin zu finden.
Die Helfer werden in ausreichender Zahl auf dem ganzen Festivalgelände zu finden sein. Sie werden blinde Besucher aktiv ansprechen und ihre Hilfe anbieten. Für sehende und sehbehinderte Besucher werden sie zudem an ihrer einheitlichen Kleidung zu erkennen sein.
Bonus auf DBSV-Inform: Werbespot zum Louis Braille Festival der Begegnung 2012
"Blickpunkt Auge": Patientenberatung startet in den Modellregionen
Hessen, Sachsen und Schleswig-Holstein sind die drei Modellregionen des DBSV-Projekts "Blickpunkt Auge". Hier sind die Vorbereitungsarbeiten so weit abgeschlossen, dass Anfang 2012 die Patientenberatung unter dem Motto "Blickpunkt Auge – Rat und Hilfe bei Sehverlust" an ausgewählten Standorten beginnen kann. Ein Blick in die Projektwerkstatt.
"Blickpunkt Auge", ehemals "Beratungsdienst Auge", ist ein auf fünf Jahre angelegtes Projekt, das im Frühjahr 2010 seine Arbeit in Berlin aufgenommen hat. Es wendet sich an Menschen mit erworbenen Sehbeeinträchtigungen (Augenpatienten) und ihre Angehörigen. Im Rahmen des Projekts sollen speziell auf diesen Personenkreis ausgerichtete, ganzheitliche Beratungs- und Unterstützungsangebote entwickelt und umgesetzt werden (vgl. "Gegenwart" 11/2010 und 5/2011). Ende März 2011 hat das DBSV-Präsidium über die Modellregionen entschieden: Bis Anfang 2013 werden die Blinden- und Sehbehindertenvereine in Hessen, Sachsen und Schleswig-Holstein an ausgewählten Standorten Pilotprojekte durchführen. Die Ergebnisse sollen dann in die bundesweite Einführung spezifischer Patientenangebote einfließen. Bestehende Angebote des DBSV und seiner Landesorganisationen werden so ergänzt bzw. weiterentwickelt, um künftig eine größere Zahl von Menschen mit Sehproblemen zu erreichen. Auch wenn Augenpatienten andere Fragen und Probleme haben als von Geburt an Betroffene und sich vor allem zu Beginn der Erkrankung meist nicht der Gruppe der sehbehinderten oder gar blinden Menschen zugehörig fühlen, suchen viele von ihnen Rat und Hilfe. Das Projekt dient somit dem erklärten Ziel des DBSV, sich stärker hin zu einer Patientenorganisation zu entwickeln.
Drei Modellregionen und ein gemeinsames Ziel
Die konkreten Bedingungen der Modellregionen sind sehr unterschiedlich. Das war auch so beabsichtigt, damit die Erfahrungen aus den Pilotprojekten später auf andere Landesorganisationen übertragbar sind. Trotz gemeinsamer Anliegen und Ziele führt dies zu differenzierten Vorgehensweisen, Schwerpunktsetzungen und Arbeitsständen, aber auch zu kreativen Ideen und vielfältigen individuellen Lösungen. Überall sind es engagierte ehrenamtliche Berater, die das Projekt erst möglich machen.
Seit dem Auftakttreffen im April 2011 wurde viel geleistet. Grundsätzliche Themen wurden diskutiert: Ziele, Inhalte und organisatorische Rahmenbedingungen von Beratungs- und Unterstützungsangeboten für Augenpatienten, das Selbstverständnis der Berater, Anforderungen an ihr Wissen und Können. Überregionale Arbeitsgruppen erarbeiteten eine Leistungsbeschreibung "Blickpunkt Auge" und befassten sich mit dem Thema Beraterqualifizierung. Mindeststandards für "Blickpunkt Auge"-Angebote wurden vereinbart, von denen einige im Moment noch Zielvorstellungen sind; sie werden im Laufe der Modellphase überprüft und weiterentwickelt. Neben Vertretern der Modellregionen brachten sich auch Aktive aus Baden, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt ein. Mit der Zeit wurde das Projekt immer mehr zu einem gemeinsamen Anliegen aller Beteiligten.
In den Regionen selbst ging es insbesondere um die Gewinnung, Vorbereitung und Qualifizierung von Beratern, die Schaffung der organisatorischen und räumlichen Voraussetzungen für Beratungsangebote, den Ausbau von Netzwerken, das Bekanntmachen der Angebote im eigenen Verein und in der Öffentlichkeit sowie um die Mittelakquise. Wie ist der derzeitige Stand in den drei Modellregionen?
Schleswig-Holstein
Der Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein verfügt seit Sommer 2011 über ein hochmodernes, mit zahlreichen Hilfsmitteln und Informationsmaterialien ausgestattetes Beratungsmobil. Der Kleinbus, der aus Mitteln des Blindenfonds des Landes Schleswig-Holstein angeschafft werden konnte, rollt durch das Land, um interessierten Menschen Beratung in der Nähe ihres Wohnortes anzubieten. Mit Claus Bernhard, Rehabilitationsfachlehrer für Orientierung und Mobilität, an Bord hatte das Mobil bereits seine ersten erfolgreichen Einsätze, etwa auf der Landesgartenschau in Norderstedt, in Mölln, Aumühle, Wahlstedt und in einigen Seniorenresidenzen. Überall war das Interesse groß: Es kamen viele Menschen mit Augenproblemen, die sonst nicht so schnell den Weg zum Verein gefunden hätten. Zudem konnte in Wahlstedt eine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz zur Durchführung eines Gesprächskreises für sehbehinderte Menschen vereinbart werden.
Offizieller Start für "Blickpunkt Auge" wird Mitte Januar 2012 sein. Das Info-Mobil wird zunächst schwerpunktmäßig in der Region Rendsburg / Eckernförde unterwegs sein. Dank der frühzeitigen Suche nach Aktiven gibt es bereits eine Gruppe von mehr als 20 Ehrenamtlern, die zunächst bei den Einsätzen des Mobils dabei sind und später auch stationäre Beratung anbieten werden. Erste Kontakte zu Augenärzten verliefen erfolgreich.
Hessen
In Frankfurt wird es künftig neben der Beratung in den Räumen der Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen auch eine Sprechstunde in der Augenklinik des Bürgerhospitals geben, also ganz in der Nähe der Patienten. Der Standort Limburg mit der selbst betroffenen Sozialpädagogin Dana Lienert als hauptamtlich beschäftigter Beraterin wurde dank der Unterstützung des dortigen Rotary Clubs möglich. Im März soll noch ein ehrenamtliches Beratungsangebot in Oberursel hinzukommen. Damit wird es bereits während der Startphase des Projekts mehr Beratungsstandorte geben als ursprünglich geplant.
Gespräche zur Zusammenarbeit mit der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) und der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte wurden im Dezember geführt. In Limburg wurde das Projekt im Qualitätszirkel der Augenärzte vorgestellt. Eine Auftaktveranstaltung für "Blickpunkt Auge" findet am 25. Januar um 18 Uhr in der Frankfurter Sparkasse, Neue Mainzer Str. 47-53, statt.
Sachsen
Dem Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen ist es gelungen, von der Perl-Stiftung eine Anschubfinanzierung für das Projekt zu bekommen. Beratungsangebote für Augenpatienten wird es zunächst in Dresden, Bautzen und Bischofswerda geben. In Bautzen gab es bisher noch keine Beratungsstelle des Vereins. Die Räume stellt das dortige Klinikum zur Verfügung, zu dem unter anderem eine Augenklinik gehört. Auch in Dresden wurden neue Räume gesucht. Um Interessierten den Weg in die Beratung möglichst leicht zu machen, wurde in Sachsen eine zentrale Rufnummer für "Blickpunkt Auge" eingerichtet. Ratsuchende erreichen dort eine Sozialpädagogin, die sie weiter vermittelt oder sich selbst der Sorgen und Nöte der Anrufer annimmt.
Im November 2011 fand bereits eine erste Beraterschulung statt – mit dem Schwerpunkt Gesprächsführung. Unter der Leitung einer Psychologin lernten die Teilnehmer, wie man aktiv zuhört, die richtigen Fragen stellt und herausfindet, was der Ratsuchende tatsächlich braucht. Beim zweiten Termin im Dezember vermittelte ein Augenarzt Grundlagenwissen zu den wichtigsten Augenerkrankungen.
Nordrhein-Westfalen
Die nordrhein-westfälischen Blinden- und Sehbehindertenvereine sind Partner des AMD-Netzes NRW, eines medizinisch-sozialen Netzwerkes, das die bessere Versorgung von Patienten mit Altersbedingter Makula-Degeneration (AMD) zum Ziel hat (vgl. "Gegenwart" 7-8/2011). Hier sollen nach Möglichkeit Synergien mit dem Projekt "Blickpunkt Auge" realisiert werden. Außerdem bringen die Vereine umfassende Erfahrungen aus ihren Beraterschulungen "Wir sehen weiter" ein. Inzwischen wurde in Nordrhein-Westfalen eine Fachgruppe "Blickpunkt Auge" mit Vertretern der drei Vereine gegründet, die sich schwerpunktmäßig augenmedizinischen Themen widmet, Betroffenen Information und Austausch bieten und Augenärzte bei der Patientenberatung unterstützen möchte. Zurzeit wird eine Patientenveranstaltung mit Augenärzten vorbereitet, die im März 2012 stattfinden soll.
Wie geht es weiter?
Für das Projekt ist eine wichtige Etappe erreicht: Die Arbeit für die Menschen vor Ort kann beginnen. Wesentliche Arbeitsfelder für die nächste Zeit sind die Unterstützung der Berater, die Gewinnung weiterer Aktiver, die Durchführung von regionalen und überregionalen Beraterschulungen, die Erstellung von Informationsmaterialien, die Eröffnung weiterer Beratungsstandorte. Im Frühjahr 2012 plant der Blinden- und Sehbehinderten-Verband Sachsen-Anhalt, mit einem Info-Mobil ins Projekt einzusteigen – nach dem Vorbild der Schleswig-Holsteiner.
Parallel geht es darum, die Netzwerkarbeit auf allen Ebenen fortzusetzen. "Blickpunkt Auge" wurde bereits bei Fachtagungen oder im persönlichen Gespräch mit Augenärzten, spezialisierten Optikern, Rehabilitationslehrern, Psychologen und anderen Fachleuten vorgestellt, um sie als Partner und Unterstützer zu gewinnen. Schließlich kommt es darauf an, dass alle an einem Strang ziehen, um Menschen mit gravierenden Augenerkrankungen bestmöglich zu unterstützen.
Angelika Ostrowski, "Blickpunkt Auge"
Dazu ein Bild: Beratung auf Rädern: In Schleswig-Holstein ist ein Info-Mobil unterwegs
Kurzinfo: Ansprechpartner "Blickpunkt Auge"
Modellregionen:
DBSV:
Das Projekt "Blickpunkt Auge" wird von der Aktion Mensch und der Bert Mettmann Stiftung gefördert.
Das Gründungsdatum des DBSV jährt sich zwar erst Ende Juli. Aber ein 100-jähriges Jubiläum muss ausgiebig gefeiert werden. Damit beginnt die "Gegenwart" gleich in der ersten Ausgabe des neuen Jahres, indem sie das DBSV-Jubiläum zum Thema macht. Im Zentrum steht ein ausführliches Interview mit zwei Zeitzeugen, die das Dritte Reich als Kind erlebt haben und seit mehr als 50 Jahren eine tragende Rolle in der Selbsthilfe spielen. Die sieben Ehrenmitglieder des Verbandes gratulieren zum 100. Geburtstag, und DBSV-Präsidentin Renate Reymann lädt zu einer Zeitreise ins Jahr 2112 ein. Wie blinde und sehbehinderte Menschen heute leben, sollen im Jubiläumsjahr vor allem Grundschulkinder erfahren. Daher hat der DBSV umfangreiche Schulmaterialien aufgelegt, die hier vorgestellt werden. Und schließlich startet eine Reihe mit Kalenderblättern: Monat für Monat erinnert die "Gegenwart" an ein Datum, das für die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe bedeutend war. Diesmal geht es um eine Blindengeld-Demo im Jahre 1930.
Happy Birthday!
Happy Birthday!
Die Ehrenmitglieder des DBSV gratulieren dem Verband zu seinem 100. Geburtstag.
Dr. Herbert Demmel
Als 1912 der Reichsdeutsche Blindenverband gegründet wurde, um die Anliegen blinder Menschen in dem erstarkenden Deutschen Reich zu vertreten, ahnte wohl niemand, wie wechselvoll sein Weg in den kommenden 100 Jahren werden sollte. Die politische und insbesondere die soziale Lage stellten im Laufe der Zeit immer wieder neue Herausforderungen, denen es gerecht zu werden galt.
Dass dies unserer Selbsthilfeorganisation gelungen ist, verdient größte Anerkennung. Selbst in der schwersten Zeit, der Zeit des Nationalsozialismus, ist trotz Gleichschaltung, was staatliche Aufsicht und Einführung des Führerprinzips bedeutete, der Selbsthilfegedanke nicht untergegangen! Das zeigte sich nach der totalen Niederlage 1945 zunächst in den Landesblindenorganisationen und seit der Wiedergründung unseres Spitzenverbandes in der kraftvollen Entwicklung des DBSV bis heute.
Es ist mir deshalb ein Bedürfnis, den DBSV zu seiner 100-jährigen Bewährung zu beglückwünschen und ihm auch für die Zukunft ein erfolgreiches Wirken für blinde und sehbehinderte Menschen zu wünschen. Dankbar bin ich dafür, dass ich in den vergangenen Jahrzehnten in unserer Selbsthilfebewegung mitwirken durfte.
Gerda Kloske-Schindlbeck
Sehr geehrter Jubilar!
Mich hat ein ernsthaftes Problem eingeholt: Wie spricht man ein "Geburtstagskind" an, das 1912 zur Welt kam und in seinen 100 Jahren Existenz und Wirken durch so viele Kämpfe gegangen ist; über dessen Haupt so viele Unwetter hinweggezogen sind und das doch – am Jubeltag – im Jahre 2012 aktiv, gesund und kräftig ist?
Erster Versuch:
Hallo DBSV! Ich bin's, die Gerda! Alles Gute zum 100. Geburtstag! Bleib so, wie Du bist! Bleib uns gewogen, wir brauchen Dich! – Ganz bestimmt nicht falsch, hört sich aber krumm an.
Zweiter Versuch:
Ehrwürdiger Greis (eine Anrede, die einem Jubilar in vergangenen Jahrhunderten schon im zarten Alter von 60 Jahren entgegengebracht wurde). Die Gratulantin entbietet Dir alle guten Wünsche und bittet weiterhin um Deine väterliche Fürsorge. – Ist auch nicht ganz verkehrt, aber trotzdem daneben.
Nun weiß ich mir nicht mehr anders zu helfen, als es ganz sachlich zu versuchen:
Zum herausragenden Fest des 100. Jahres des Bestehens überbringe ich dem DBSV alle erdenklich guten Wünsche, damit weiterhin für blinde und sehbehinderte Menschen eine starke und kompetente Selbsthilfeorganisation besteht, deren Stimme maßgebend ist und nicht überhört werden kann.
Es ist eine Ehre für mich, dass ich auf diesem langen Weg ein kurzes Stück helfend tätig sein durfte.
Alfred Preuße
Meinen Glückwunsch an den Jubilar verbinde ich mit zwei persönlichen Erinnerungen:
Zum einen denke ich daran, wie mein Weg 1977 in die Blindenselbsthilfe führte. Ohne das Wissen und die Erfahrungen der Betroffenen und der organisierten Selbsthilfe hätte es kaum eine so starke Entwicklung und soziale Einflussnahme blinder und sehbehinderter Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl im westlichen wie auch im östlichen Teil unseres Landes gegeben.
Zugleich erinnere ich mich an die Verwaltungsratssitzung des Deutschen Blindenverbandes im November 1990 in Fulda. Hier wurden, ausgehend vom 9. Kongress des BSV der DDR, Renate Reymann, Lothar Rehdes und ich in den DBV-Vorstand gewählt. Obwohl in den wesentlichen Fragen Übereinstimmung herrschte, war dennoch eine gewisse Unsicherheit zu spüren. So fragte ich mich, ob die ausgezeichnete Basisarbeit des BSV in der DDR gewürdigt werden würde, seine Erfahrungen in der Elementarrehabilitation und seine Arbeit mit sehbehinderten Menschen. Sehr schnell zeigte sich aber, dass jegliche Unsicherheit unbegründet war. Neue Freundschaften wurden geschlossen und ich kenne kaum einen anderen gesellschaftlichen Bereich, in dem das Zusammenwachsen von Ost und West so unproblematisch vor sich gegangen ist.
Wilma Großeberkenbusch
Der DBSV, gestern und morgen? "Die blinden Menschen waren Vorreiter, Funke und Fackel der Blindenselbsthilfe, die man weitertragen muss." Dieser Satz fiel 1949 bei der Neugründung des Verbandes im Blindenerholungsheim Meschede. Vor meiner Blindenschulzeit hatte ich die Regelschule besucht, ohne je einen normalen Buchstaben lesen zu können. Zum Glückwunsch zum 18. Geburtstag von meinem Klassenlehrer Gerling, der gleichzeitig Vorsitzender des Blindenvereins Westfalen war, gehörte der Hinweis, dass die Mitgliedschaft im Blindenverband selbstverständlich sei. Somit gehöre ich dem Verband jetzt 58 Jahre lang an. Stolz war ich darauf, dass mir vom DBSV Anfang des 21. Jahrhunderts als erster Frau die Ehrenmitgliedschaft angetragen wurde. Wofür? Vorstandsmitglied vom DBSV war ich nie. Ich leitete auch nie einen Landesverband. Wenn man einmal ein Ehrenamt hat, fliegen einem rasch weitere Aufgaben zu: Frauenarbeit in Westfalen, fast zur gleichen Zeit erste Schulungs- und Beratungswoche für taubblinde Menschen in Westfalen, Gemeinsamer Fachausschuss für allgemeine Hilfsmittel beim DBSV, Jurymitglied beim Louis-Braille-Preis, Organisation der bundesweiten Taubblindenfreizeiten. So wurde ich immer bekannter.
Mein Wunsch war stets, mein Ohr an der Basis zu haben. Was wünsche ich nun dem DBSV? Auch in Zukunft viele Ehrenamtler, die kämpfen und die Fackel weitertragen.
Gustav Doubrava
Wenn die Selbsthilfe unter dem Dach des DBSV 2012 das Jahrhundertjubiläum begeht, ist das unser aller Jubiläum. Wir alle, die wir uns mit dem DBSV eins wissen, sind der DBSV. Natürlich feiern wir nicht in erster Linie uns selbst, sondern all die Menschen, die den steinigen Weg der Emanzipation trotz vielfältiger Widerstände gegangen sind und den Gedanken der Selbsthilfe, wie wir ihn verstehen, durch 100 Jahre getragen haben. Wir feiern das Engagement und die Erfolge aller, die bessere Bedingungen für das Leben mit Sehverlust durchsetzen konnten. Begnügen wir uns nicht damit, dass man sich in 50 oder 100 Jahren auch unser erinnern wird.
Ich kann nicht anders als mitzufeiern, dankbar dafür, dass ich seit mehr als 50 Jahren dort, wo man mich haben wollte, im Rahmen meiner Möglichkeiten mitwirken konnte und mein Engagement von meiner Familie verständnisvoll mitgetragen wurde. Ich wünsche dem DBSV, dass er bis hinein in alle Verästelungen seiner Mitgliedsorganisationen stets attraktiv ist und Menschen findet, die ihn, die Zeichen der Zeit im Blick, auf Kurs halten.
Armin Kappallo
Der DBSV ist die älteste bundesweite Selbsthilfeorganisation. Von den 100 Jahren ihres Bestehens habe ich 31 Jahre ehrenamtlich mitgearbeitet, zunächst ab 1967 als Vorsitzender in Bonn, danach als Vorsitzender in Nordrhein und von 1982 bis 2002 im Vorstand des DBSV, von 1999 bis 2008 wieder in Nordrhein. Meine schwierigste Zeit als Vorsitzender des DBSV waren die Jahre nach der Wiedervereinigung. Es galt, in den neuen Bundesländern neue Strukturen aufzubauen und vor allem einen neuen Gesamtverband in den Köpfen zu verankern. Mit intensiv diskutierten Satzungsänderungen wurden 1991 auf dem Schweriner Verbandstag die richtigen Weichen gestellt. Traurig war ich, als der DBSV 1998 beschlossen hatte, nach Berlin umzuziehen. Der Verlust des Mobilitätszentrums in Berlin-Hirschgarten tut mir heute noch weh. Ich wünsche der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe auch für die Zukunft viel Erfolg.
Helmut Kahler
Am 19. November 1971 wurden Herbert Demmel und ich in den Vorstand des DBV gewählt. Wir waren die Jüngsten und glaubten, die Welt verändern zu können. Auf eine meiner grandiosen Ideen erklärte der damalige Vorsitzende: "Herr Kahler, als ich so alt war wie Sie, hätte ich wahrscheinlich genauso unüberlegt dahergeredet." Heute mit fast 80 Jahren habe ich Verständnis für diese Antwort.
Bis zu meinem Ausscheiden aus dem Vorstand im Jahr 1998 erlebte ich vier Vorsitzende und drei Geschäftsführer. Eine schöne Zeit, die 1990 in der Vereinigung der beiden Blindenselbsthilfeverbände in Ost- und Westdeutschland gipfelte. Schwer habe ich mich getan mit der Namensänderung DBV in DBSV und mit der Anhebung der Sehobergrenze für Sehbehinderte auf 30 Prozent. Leider ist der dadurch erhoffte Mitgliederzuwachs in den Landesvereinen ausgeblieben. Zwar waren die Probleme, mit denen der Vorstand damals befasst war, keine Peanuts. Was aber stürzt heute Tag für Tag auf das Präsidium und die Geschäftsführung des DBSV ein? Ungleich mehr.
Was wünscht nun ein Ehrenmitglied dem DBSV zum 100. Geburtstag? Vor allem, dass der Präsidentin Renate Reymann und dem gesamten Präsidium sowie dem Geschäftsführer Andreas Bethke und seiner Mannschaft die Freude an der Arbeit, der Elan und das Engagement noch lange erhalten bleiben.
John F. Kennedy hat einmal gesagt: "Einen Vorsprung im Leben hat immer, wer da anpackt, wo andere erst einmal reden." Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
Kurzinfo: Das Hundertjahrbuch
100 Jahre auf knapp 100 Seiten: Das DBSV-Jahrbuch "Weitersehen 2012" lädt ein, durch ein Jahrhundert Verbandsgeschichte zu reisen, die unterschiedlichen politischen und sozialen Epochen zu erleben und vieles über die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen der jeweiligen Zeit zu erfahren. Von den Anfängen der deutschlandweit organisierten Selbstvertretung über das dunkle Kapitel des Dritten Reichs und die Teilung in einen West- und einen Ostverband bis zur Einführung des Blindengeldes; von der Gründung der ersten Blindenhörbüchereien und ersten Gehversuchen mit dem Langstock über die Wiedervereinigung der west- und ostdeutschen Selbsthilfe bis zu den aktuellen Herausforderungen im Zeitalter der UN-Behindertenrechtskonvention: Die Autoren des Jahrbuchs geben einen facettenreichen Überblick über die Geschichte des DBSV. In seinem Grußwort würdigt Bundespräsident Christian Wulff den Verband als Wegbereiter für ein selbstverständliches Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung.
Weitersehen 2012 – Jahrbuch des DBSV
Ausgaben: Schwarzschrift, DAISY-CD
Preis: 2,50 Euro
Erhältlich bei allen Landesvereinen des DBSV
Geschichten erzählen Geschichte
Sie wurden beide während des Dritten Reichs geboren und haben sich in jungen Jahren der Blindenselbsthilfe angeschlossen; sie haben die deutsche Teilung diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs erlebt und waren nach der Wende an der Wiedervereinigung der Organisationen in Ost und West maßgeblich beteiligt: Gustav Doubrava und Dr. Manfred Schmidt, beide längst im Ehrenstand des Verbandes angekommen, erzählen im "Gegenwart"-Interview aus ihrem Leben und machen damit nebenbei die Geschichte des DBSV lebendig.
Wenn man einen runden Geburtstag feiert, lässt man gerne Zeitzeugen zu Wort kommen. Schwierig wird es aber mit den Zeitzeugen, wenn es sich um einen 100. Geburtstag handelt – wie jetzt im Falle des DBSV. Deswegen möchte ich zu Beginn dieses Interviews Ihre Fantasie bemühen: Angenommen, wir würden heute das Jahr 1912 schreiben, also das Gründungsjahr des DBSV, und weiter angenommen, Sie wären heute 75 Jahre alt: Wie würden Sie dann heute leben und auf was für ein Leben würden Sie zurückschauen?
Dr. Manfred Schmidt (MS): Ich denke, das Leben wäre ziemlich bescheiden. Ich gehe davon aus, dass ich die Blindenschule besucht hätte und dann versucht hätte, mich als Musiker durchzuschlagen. Es gibt ja solche Beispiele: So war ein Gründungsmitglied des Allgemeinen Blindenvereins Berlin, der ja schon 1874 gegründet worden ist, ein sehr bekannter Organist. Und da auch ich musikalisch interessiert bin, hätte ich wohl diese Laufbahn eingeschlagen.
Gustav Doubrava (GD): Wenn ich 1837 auf die Welt gekommen wäre, hätte ich auf dem Dorf vielleicht mit den anderen Kindern in die Schule gehen dürfen, halt zuhören – das hat viele blinde Kinder getroffen. Blindenanstalten gab es damals allenfalls in den ganz großen Zentren. Die Welle der Gründungen kam ja erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach dem Tod meiner Eltern hätte ich wohl im Haus meines Bruders oder meiner Schwester mitgelebt, wäre sicher unverheiratet und kinderlos geblieben und hätte mich halt nützlich gemacht, etwa mit Holzschichten. Oder wenn ich doch das Glück gehabt hätte, in eine Blindenschule zu kommen, dann hätte ich sicher etwas Handwerkliches gelernt. Ich hätte in einer Anstalt gelebt, hätte mein Essen gehabt, und im Schlafsaal ein Bett und einen Stuhl – und wäre vielleicht auch damit zufrieden gewesen. Ich kann es nicht sagen.
Sie sind beide während des Zweiten Weltkrieges eingeschult worden. Wie sind blinde Kinder im Dritten Reich beschult worden? Und wie ist es Ihnen persönlich ergangen?
GD: Blinde Kinder waren im Dritten Reich schulpflichtig. Ich bin 1943 eingeschult worden. Es war Krieg und wir lebten im Sudetenland. Da meine Mutter mich nicht in die Blindenschule nach Aussig schicken wollte, hat sie dem örtlichen Schulleiter fürchterliche Szenen gemacht. Schließlich hat er mich da behalten, was eine mutige Entscheidung war. Und so kam ich erst nach der Vertreibung 1947 in Nürnberg in die Blindenschule und habe dann von den anderen gehört, wie es gewesen war: HJ, BDM und auch Euthanasie und Zwangssterilisation.
MS: Ich bin 1942 nach Chemnitz in die Blindenschule gekommen. Ein großer Teil der Lehrer war schon an der Front, ein paar waren noch übrig geblieben. Man hat sogar Lehrer aus der Pension zurückgeholt. Ich erinnere mich vor allem an einen Lehrer, das war ein Sadist, der am liebsten geprügelt hat. Wir hatten in unserer Klasse einen Blinden, der auch geistig behindert war, den hat dieser Nazi jeden Tag verdroschen. Ich weiß auch von Schulkameraden, die sterilisiert worden sind. Im Internat herrschte ein strenges Regime. Wir hatten einerseits Schwestern, die waren ganz in Ordnung, andererseits ungelernte Kräfte, die ihre Launen an uns ausgelassen haben. Das war schon eine schlimme Zeit. Und wir waren heilfroh, als der Spuk 1945 endlich vorbei war.
Noch eine Parallele zwischen Ihnen: Sie haben sich beide in ganz jungen Jahren der Selbsthilfe angeschlossen – der eine im Westen, der andere im Osten. Warum? Was hat Sie zur Selbsthilfe getrieben?
GD: Unser blinder Lehrer Dr. Ernst Dorner, dem ich viel zu verdanken habe, hat uns immer wieder von blinden Menschen erzählt, die anständige Berufe ausgeübt und es im Leben zu etwas gebracht haben. Er hat uns richtig eingeimpft, dass wir unsere Geschicke selbst in die Hand nehmen und uns etwas trauen müssen. So bin ich sehr früh in die Blindenselbsthilfe eingetreten und war schon mit 28 Jahren im Landesvorstand des Bayerischen Blindenbundes.
MS: Nachdem ich Klavierstimmer gelernt habe, bin ich nach Löbau in eine Klavierbaufabrik gegangen. Dort war ich ganz allein, bis auf einen weiteren blinden Klavierstimmer. Mir ging es einfach darum, Leute kennen zu lernen. Also sind wir gemeinsam zu den Versammlungen gegangen und haben dort andere Jugendliche getroffen. Es ging also zunächst um Geselligkeit. Erst lange danach kam der Gedanke der Interessenvertretung hinzu.
Wenn Sie versuchen, die 100-jährige Geschichte des DBSV zu überblicken: Welches sind aus Ihrer Sicht die ganz großen Erfolgsgeschichten der Selbsthilfe?
MS: Das Wichtigste ist, dass der DBSV eine anerkannte Größe in der Bundesrepublik ist. Die Blindenselbsthilfe wird gehört, sie kann mitreden, sie kann ihre Meinung sagen, sie kann Dinge anregen. Hier spielt natürlich hinein, dass es gelungen ist, das Blindengeld durchzusetzen. Trotz aller Probleme, etwa in Niedersachsen, Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern: Das Blindengeld ist durchgesetzt und lässt sich als solches nicht mehr zurückdrehen.
Da stimmen Sie sicherlich zu, Herr Doubrava.
GD: Im Prinzip schon. Ich habe als Kind noch mit Leuten zusammengelebt, die unter anderen Bedingungen aufgewachsen sind und aus dem alten Blindenanstaltsmilieu stammten. Gerade das Blindengeld hat die soziale Stellung blinder Menschen erheblich gehoben. Dann kam das Schwerbeschädigtengesetz von 1953, das uns den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtert hat. In den späten 50er und 60er Jahren war der Arbeitsmarkt leer. Das war für uns eine günstige Zeit. Wir hatten Arbeit und konnten daran denken, zu heiraten, Kinder zu haben, Wohnungen zu mieten. Die berufliche Rehabilitation für Späterblindete ist langsam angelaufen, die Spezial-BFWs sind entstanden – das war alles eine ganz wichtige Entwicklung. Und dahinter steckt natürlich die Blindenselbsthilfe.
Nun gehen solche Errungenschaften nicht von einem Verband aus, sondern von Menschen, die hinter dem Verband stecken. Welche Person in der 100-jährigen Geschichte des DBSV beeindruckt Sie am meisten?
GD: Das ist sehr schwer zu sagen, aber in meinen jüngeren Jahren war es vor allem Dr. Alfons Gottwald, der von 1950 bis 1974 Vorsitzender des DBV war und der die Weichen in die gesellschaftliche Integration gestellt hat. Aus heutiger Sicht wären es auch Horst Stolper, Herbert Demmel und – ich nenne ihn jetzt auch schon – Andreas Bethke. Jeder ist in seiner Zeit ein ganz wichtiger Mensch. Und wenn ich weiter zurückgehe in die Vergangenheit, dann waren es natürlich am Anfang F.W. Vogel aus Hamburg und Dr. Alexander Reuß und Rudolf Kraemer. Man müsste viele Protagonisten aufzählen ...
Ist da noch ein Name für Sie übrig geblieben, Herr Dr. Schmidt?
MS: Ja, es ist noch einer übrig geblieben. Rudolf Kraemer hätte ich auch genannt. Das war ein aufrechter Kämpfer für die Interessen blinder Menschen, und das zu einer Zeit, als die Nazis die Macht ergriffen haben. Den anderen kenne ich persönlich, das ist Helmut Pielasch. Helmut Pielasch hat 29 Jahre lang den Blinden- und Sehschwachenverband der DDR geleitet. Sicher hatte er viele Facetten, aber er war eine sehr starke und beeindruckende Persönlichkeit, der in der DDR viel erreicht hat und auch international anerkannt war.
Ein ganz wichtiges Anliegen des DBSV war von Anfang an die berufliche Teilhabe – als Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben. Welche beruflichen Möglichkeiten hatten Sie? Und wo sind Sie an Grenzen gestoßen?
GD: Meine Lehrer waren der Meinung, dass ich nach Marburg gehören würde. Der Bezirk Mittelfranken, damals die Fürsorgebehörde, hat den Antrag aber abgelehnt mit der Begründung, dass ich auch in Nürnberg so viel lernen könne, dass ich mein Brot verdienen werde. Es muss nicht jeder eine höhere Bildung haben, hieß es. Also konnte ich zwischen Stenotypist und Telefonist wählen und bin Telefonist geworden. Natürlich gab es auch Industriearbeiter, Handwerker, Masseure und medizinische Bademeister. Später bin ich dann zur Deutschen Bundespost gekommen und habe dort die Inspektorausbildung gemacht. Und Diplomverwaltungswirt bin ich sogar auch noch geworden. Das war halt ein bisschen mühsamer als sonst. Aber ich bin ganz zufrieden mit dem, was ich beruflich erreicht habe.
Sie mussten sich also mühsam hocharbeiten. Und bei Ihnen, Herr Dr. Schmidt, war es mit dem Klavierstimmer auch nicht getan ...
MS: Nein, ich bin 1961 zur Arbeiter- und Bauernfakultät gegangen und habe mit Sehenden das Abitur gemacht. Mein großes Ideal war, Mathematik zu studieren. Ein Professor an der Uni in Berlin sagte mir: Ja, studieren können Sie schon, aber ich sehe keine Chance, Sie irgendwo als Mathematiker einzusetzen. Da ich musikalisch und auch historisch interessiert war, habe ich dann das Lehrerstudium angefangen, Musikerziehung und Geschichte. Ein Praktikum an der Schule hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aber dann erfuhr ich, dass Margot Honecker, die damalige Bildungsministerin, verfügt hatte, dass Blinde nicht an der allgemeinen Schule unterrichten durften. Das hat mich fürchterlich geärgert. Schließlich bin ich umgestiegen auf Geschichte Diplom. Und während ich berufstätig war, habe ich promoviert. Das hat auch alles Spaß gemacht, aber ich wäre schon ganz gerne Lehrer geworden.
Sie haben die deutsche Teilung diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs erlebt. Herr Dr. Schmidt, was war im Osten anders als im Westen?
MS: Wir hatten die Verbandsgründung erst sehr spät, aber an der Basis ist schon kurz nach 1945 gearbeitet worden, in Kreis- und Landesblindenausschüssen. Der Verband selbst wurde dann 1957 gegründet, allerdings als einheitlicher Verband. Während im Westen die alte Spaltung aufrechterhalten wurde – Kriegsblinde extra, Zivilblinde extra, Akademiker extra – war bei uns alles in einem Verband. Das habe ich als großen Vorteil empfunden. Und noch eins muss ich erwähnen: Jeder Blinde, der arbeiten wollte, hatte auch Arbeit. In der DDR gab es das Recht auf Arbeit, das konnte man einfordern und das wurde auch realisiert, zum Teil mit Hilfe des Verbandes.
Nach dem Mauerfall 1989 ging es darum, die Blindenverbände in Ost und West zusammenzuführen. Wie waren Sie an dieser Wiedervereinigung beteiligt?
GD: Ich war damals Landesvorsitzender des Bayerischen Blindenbundes. Im Januar 1990 schrieben wir einen Brief, und Richard Hahnemann aus Gera, damals Sekretär des Bezirksvorstandes, schrieb auch einen Brief. Und diese beiden Briefe, in denen der Wunsch nach Kontaktaufnahme zum Ausdruck kam, haben sich gekreuzt. Es war also wirklich von beiden Seiten gewollt. Ende März haben wir dann die Bezirksvorstände und Geschäftsführer, damals hießen sie Sekretäre, aus Suhl, Erfurt, Gera, Karl-Marx-Stadt, Leipzig und Dresden nach München eingeladen. Wir sind uns so begegnet, als hätten wir uns schon lange gekannt. Es war ein sehr offenes, ein wirklich nach vorne gerichtetes Gespräch. Natürlich folgten weitere Begegnungen und Hospitationen, auch zwischen DBV und BSV der DDR liefen entsprechende Gespräche. Das war eine gute Zeit.
MS: Ich war damals Vorsitzender in Ost-Berlin und habe sehr früh Kontakt zu dem damaligen Vorsitzenden des ABV, also West-Berlin, bekommen, das war Jürgen Lubnau. Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden und haben uns im Jahr 1990 zusammengesetzt. Jeder hatte eine kleine Delegation, und so haben wir eine Vereinbarung ausgehandelt, wie unsere Gruppierungen, also der Verein aus West-Berlin und die Bezirksorganisation Ost-Berlin des BSV, zusammenkommen können. Es war eine sehr kameradschaftliche Zusammenarbeit, und die Vereinbarung hat die Interessen beider Seiten sehr gut widergespiegelt. Wenn die Wiedervereinigung in Gesamtdeutschland so gut verlaufen wäre wie bei uns im Blindenwesen, wäre manches anders gekommen ...
Ein Sprung in die Gegenwart: Im Zuge der UN-Behindertenrechtskonvention kommt es allmählich zu einem gesellschaftlichen Umdenken: Können Sie aus ganz persönlicher Erfahrung bestätigen, dass es heute weniger Diskriminierung gibt als früher?
GD: Unbedingt, es gibt weniger Diskriminierung. Das erlebt man tagtäglich, wenn man sich in der Gesellschaft bewegt. Aber um das nicht zu glorifizieren, muss man schon dazu sagen: Das Benachteiligungsverbot im Grundgesetz und die Gleichstellungsgesetze wären ja nicht nötig gewesen, wenn es keine Diskriminierung mehr gegeben hätte. Und selbst wenn sich jetzt viel tut mit der Umsetzung der BRK, sind wir doch noch nicht im Inklusionsland angekommen.
MS: Sind wir auf keinen Fall. Aber es gibt weniger Diskriminierung, das muss ich auch sagen. Die Menschen sind aufgeschlossener und auch hilfsbereit, das erlebe ich immer wieder. Aber es gibt auch andere. Und gerade dieses Zögern, was die Umsetzung der BRK betrifft, zeugt davon, dass noch nicht alles durch ist.
Und zum Abschluss: Können Sie sich vorstellen, dass sich der DBSV eines Tages überflüssig gemacht hat, weil seine Arbeit getan ist?
Beide: Nein!
Warum nicht?
MS: Wir müssen immer wieder von vorne anfangen. Wenn ein neuer Politiker kommt, müssen wir ihn aufklären. Wenn Beamte wechseln und die Neuen keine Ahnung von der Problematik haben, müssen wir erklären, was zu tun ist usw. Ich glaube nicht, dass sich der DBSV irgendwann überflüssig macht.
Und Sie glauben auch, dass der Selbsthilfegedanke die nächsten 100 Jahre überdauern wird, Herr Doubrava?
GD: Wie lange, weiß ich nicht. Aber solange es Menschen gibt, die in irgendeiner Form mit Sehverlust leben, müssen sie nach Möglichkeiten suchen, unbeeinträchtigt mit den anderen zusammenzuleben. Daran werden die anderen nicht denken; da muss man sich schon selber rühren. Man braucht natürlich Visionen, so wie Jesaja vor mehr als 2.500 Jahren. Der schrieb, wie es sein wird, wenn die Gegensätze verschwinden und die ganze Schöpfung in Einklang sein wird. Wir müssen uns alle bemühen, danach zu handeln. Je mehr dies gelingt, desto besser.
Dieses Gespräch führte Irene Klein. (Originalton auf DBSV-Inform)
Dazu vier Bilder:
Bei einer Veranstaltung des Reichsdeutschen Blindenverbandes in den späten 1920er Jahren: Die Besucher sitzen dicht gedrängt in Reihen. Sie tragen Mäntel und zum Teil die gelbe Armbinde
Aufnahme aus den 1960er Jahren: Eine blinde Frau steht am Tisch und liest in einem Punktschriftbuch
Blinde Telefonistin am Vermittlungspult
Arbeitsszene aus den 1950er Jahren in einer Hörbücherei: Eine Frau und ein Mann in Kittel und Schürze hantieren mit Tonbändern vor großen Vervielfältigungsapparaten
Kurzinfo: Dr. Manfred Schmidt
1936 in Lichtenstein, Sachsen, blind geboren, war Schmidt 1957 Mitbegründer der Kreisorganisation Löbau des Allgemeinen Deutschen Blindenverbandes (ADBV). In den 1960er und 1970er Jahren übernahm er verschiedene Ämter auch auf zentraler Ebene. Nach seiner Promotion arbeitete er von 1978 bis 1990 hauptamtlich beim Blinden- und Sehschwachenverband der DDR und war dort verantwortlich für Rehabilitation und soziale Betreuung. Parallel war er Mitglied des Präsidiums, von 1982 bis 1990 außerdem Vorsitzender der Bezirksorganisation Berlin. Nach der Wende zunächst stellvertretender, dann von 2001 bis 2007 Vorsitzender des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin (ABSV), anschließend Ehrenvorsitzender. 1991 wurde Schmidt Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte, heute Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin, 2000 Vorsitzender des Landesbeirats für Menschen mit Behinderung Berlin. Im Jahr 2010 legte er beide Ämter nieder. Für sein langjähriges soziales Engagement wurde Schmidt 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.
Kurzinfo: Gustav Doubrava
Wurde 1937 als blindes Kind im Sudetenland geboren. Nach der Vertreibung schloss er sich Ende der 1950er Jahre in Nürnberg der Blindenselbsthilfe an. 1965 wurde er in den Landesvorstand des Bayerischen Blindenbundes gewählt, von 1975 bis 2003 war er Landesvorsitzender, heute ist er Ehrenvorsitzender. Daneben war er von 1976 bis 2005 Vorsitzender der Bayerischen Blindenhörbücherei und von 1986 bis 1997 Vorsitzender des Gesellschafterrates (Aufsichtsrat) des Berufsförderungswerks Würzburg. Bis heute wirkt er als Landesverkehrsbeauftragter des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes (BBSB). Doubravas Engagement geht seit langem über die Landesgrenzen Bayerns hinaus. Von 1998 bis 2010 war er Mitglied des DBSV-Präsidiums, seit 2010 gehört er zu den Ehrenmitgliedern des Verbandes. Für seinen Einsatz zugunsten blinder und sehbehinderter Menschen verliehen ihm der Bayerische Ministerpräsident 1995 den Bayerischen Verdienstorden und der Bundespräsident 2004 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.
Eine Zeitreise ins Jahr 2112
Nur wer Träume hat, hat auch Kraft zu kämpfen: In diesem Sinne nimmt DBSV-Präsidentin Renate Reymann das 100-jährige Jubiläum des Verbandes zum Anlass, um in die Zukunft zu blicken. Wie leben blinde und sehbehinderte Menschen in 100 Jahren? Eine Vision, die nicht nur der Selbsthilfe Aufgaben stellt, sondern vor allem auch der Gesellschaft.
Wir schreiben das Jahr 2112: Die Selbsthilfeorganisation der Menschen mit visuellen Einschränkungen feiert ihr 200-jähriges Jubiläum. Der Begriff "Menschen mit Behinderung" ist im 22. Jahrhundert antiquiert, denn in der Gesellschaft hat sich längst ein neues Denken durchgesetzt. Was zählt, ist nicht mehr, was Menschen nicht können, sondern was sie können. Mehr als 100 Jahre ist es inzwischen her, dass auch Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat. Durch den beharrlichen Druck der Allianz der Selbsthilfeorganisationen wurden die Vorgaben der Konvention so umgesetzt, dass alle Menschen mit ihren unterschiedlichen körperlichen und geistigen Fähigkeiten gleichberechtigt zusammenleben können. Es ist wesentlich dem technischen Fortschritt zu verdanken, dass Menschen mit Sehproblemen endlich mobil sind und ohne fremde Hilfe im Straßenverkehr klarkommen. Ebenso hat die Informationstechnologie Telefon, E-Mail, Bücher, Kino und Theater so verändert, dass alle Menschen miteinander kommunizieren und die gemeinsame Kultur erleben können – unabhängig von der Möglichkeit, alle Sinne zu nutzen.
Alle Kinder, ganz gleich welcher Befähigung, lernen gemeinsam unter einem Dach. Spielend erfahren sie Wertschätzung und helfen einander beim Ausgleich unterschiedlicher Fähigkeiten. Schulen, Hochschulen und andere Ausbildungsstätten belegen mit Qualitätszertifikaten, dass sie inklusive Bildung auf sinnvolle Weise verwirklichen können. Ganz selbstverständlich finden alle Menschen eine berufliche Tätigkeit, die ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entspricht und damit persönliche Befriedigung und gesellschaftliche Anerkennung verschafft. Dies ist die Triebkraft für die stete Entwicklung der Gesellschaft. Visionen und Ziele, nicht Gründe der Verhinderung, bestimmen das Handeln der Menschen im 22. Jahrhundert.
So wie sich die europäische Politik nicht mehr an Ländergrenzen orientiert, arbeiten auch die Selbsthilfeorganisationen grenzüberschreitend. Es gibt keine festen Hierarchien mehr, vielmehr lösen die Menschen in veränderlichen Kompetenzteams die Probleme der Teilhabe in allen Lebensbereichen der Gesellschaft. Die in der Selbsthilfe zusammengeschlossenen Menschen haben einen festen Platz in allen politischen Gremien: Wie vor 100 Jahren sind sie Experten in eigener Sache – aber anders als vor 100 Jahren müssen sie nicht mehr darum kämpfen, gehört zu werden.
Renate Reymann, Präsidentin des DBSV
Dazu ein Bild: Entwirft ihre Vision für 2112: Renate Reymann
19. Januar 1930: Blindengeld-Demo in Berlin
Blindengeld-Demonstrationen sind keine Erfindung der jüngeren Zeit. Sie sind so alt wie die Forderung einer Blindenrente, die erstmals 1908 erhoben wurde. Am 19. Januar 1930 zum Beispiel demonstrierten in Berlin rund 500 Menschen für die Einführung einer Blindenrente. Die Teilnehmer an dem Straßenumzug, wie es damals hieß, kamen aus dem gesamten Reich.
Die Idee einer finanziellen Leistung für blinde Menschen gewann in der Wirtschaftskrise an Bedeutung. 1927 veröffentlichte Rudolf Kraemer, Rechtsberater des Reichsdeutschen Blindenverbandes, sein wegweisendes Buch "Die Blindenrente", in dem er sich für eine Rente für Zivilblinde aussprach. Anfang der 1930er Jahre spitzte sich die Lage zu, die soziale Situation wurde gerade für blinde Menschen immer schwieriger. In 75 deutschen Städten wurden im Februar 1932 Kundgebungen veranstaltet. Im "Hamburger Echo" war zu lesen:
"So war es denn auch gestern eine erschütternde Versammlung im Wilhelm-Gymnasium, und der Saal konnte die Fülle der jungen und alten blinden Menschen, die aus allen Schichten der Bevölkerung hier zusammengekommen waren, kaum fassen. Unter dem ungeheuer verschärften Kampf um Arbeit haben die Blinden, denen nur eine ganz beschränkte Arbeitsmöglichkeit offen steht, besonders hart zu leiden. Der freien Wohlfahrtspflege, die früher sehr viel tun konnte, stehen von Jahr zu Jahr weniger Mittel zur Verfügung."
In der NS-Zeit war das Thema vom Tisch. Erst nach 1945 stellten die Selbsthilfeorganisationen erneut Forderungen. Immer wieder wandte sich der Deutsche Blindenverband (DBV) an die Politik. Ein erster Erfolg war ein Pflegegeld für Zivilblinde, das Bayern 1949 einführte. Mit dem Wirtschaftswunder setzte sich in allen Bundesländern das einkommens- und vermögensunabhängige Blindengeld durch. Die DDR kannte bereits in den 1950ern ein Blindengeld ohne Einkommensgrenze.
Von Anfang an hätte die Blindenselbsthilfe im Westen eine bundeseinheitliche Lösung bevorzugt. Der DBV legte 1957 einen Entwurf für ein Bundesblindengeldgesetz vor, das aber nie Realität wurde. Stattdessen kam 1961 das Bundessozialhilfegesetz, das eine einkommens- und vermögensabhängige ergänzende Blindenhilfe vorsah. Die Blindenhilfe wurde in den 1960er Jahren an die allgemeine Rentenentwicklung gekoppelt. In einigen Bundesländern galt dies auch für das Blindengeld.
Seit mehr als zehn Jahren fällt das Blindengeld immer wieder dem Rotstift von Haushaltspolitikern zum Opfer. Die Landesregierungen von Niedersachsen und Thüringen machten 2004 und 2005 ernst und schafften die Leistung weitgehend ab. In Hannover kam es zur größten Demonstration in der Geschichte des Blinden- und Sehbehindertenwesens mit rund 10.000 Teilnehmern. Dank der Proteste wurde das Blindengeld – wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau – in Niedersachsen und Thüringen wieder eingeführt. Zuletzt war es Schleswig-Holstein, das die Leistung halbierte. Die Leistungshöhe schwankt heute erheblich von Bundesland zu Bundesland. Ein bundeseinheitlicher Nachteilsausgleich bleibt wünschenswert.
Heiko Kunert, PR-Referent des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg
Kurzinfo: Kalenderblätter
100 Jahre – elf Stichtage. Die "Gegenwart" blättert in der Geschichte des DBSV. Im Jubiläumsjahr wird in jeder Ausgabe an ein Datum erinnert, das für die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe bedeutend war. Ein Rückblick in Schlaglichtern.
Ehrenamtler machen Schule
Das 100-jährige Jubiläum des DBSV soll nicht nur in Berlin gefeiert werden. Auch in der Region sollen Blindheit und Sehbehinderung Thema sein. Deshalb startet der DBSV am 13. Januar eine bundesweite Schulaktion. Die Idee: Blinde und sehbehinderte Menschen besuchen 3. und 4. Grundschulklassen, berichten Wissenswertes über ihre Behinderung und bauen so Vorurteile ab, bevor diese überhaupt entstehen können.
Dass Schulbesuche durch Ehrenamtler eine neue Erfindung wären, kann man nicht gerade behaupten. In der Tat werden seit vielen Jahren Schulklassen durch Mitglieder der DBSV-Landesvereine besucht. Allerdings gab es bisher kaum kindgerechte Materialien – in erster Linie wurden Braille-Alphabete und die Broschüre "Ein Tag mit Herrn Weißstock" verwendet. Für sehbehinderte Schulbesucher gab es wenig bis gar nichts mitzunehmen – vielleicht ein Grund dafür, dass diese Personengruppe stark unterrepräsentiert war. Die Schulaktion soll aber nicht nur die sehbehinderten Menschen und mit ihnen das Thema "Sehbehinderung" in die Schulen bringen, sondern auch allen blinden Menschen Mut machen, die sich einen Schulbesuch bisher nicht zugetraut haben.
Zu seinem Jubiläumsjahr hat der DBSV nun umfangreiche Materialien für den Einsatz in Grundschulen aufgelegt. Die Inhalte reichen von den Auswirkungen verschiedener Sehbehinderungen über den Alltag eines blinden Kindes bis zu Informationen darüber, wie blinde und sehbehinderte Menschen lernen. Jeder Schulbesucher kann sich eines oder mehrere dieser Themen aussuchen. Niemand muss also Braille vorführen, wenn er die Schrift nicht beherrscht. Zu jedem Thema werden Aufgaben für die Kinder vorgeschlagen. So entsteht eine Struktur für den Ablauf einer Schulstunde – aber nur für den Fall, dass dies auch gewünscht wird. Selbstverständlich soll es nach wie vor Raum für eigene Ideen geben.
Die Materialien sind in Aktionspaketen zusammengestellt. Jedes Paket enthält 30 Schülerhefte, 30 Braille-Alphabete, 30 Simulationsbrillen und ein Lehrerheft mit Hintergrundinfos. Schüler- und Lehrerheft stehen auf der Internetseite
www.schulaktion.dbsv.org zum Herunterladen bereit, erstens als Ansichts-PDF, zweitens als Word-Dokument mit Bildbeschreibungen. Die Hefte wurden von erfahrenen Schulbuchredakteurinnen erstellt, die auf das Know-how ebenso erfahrener ehrenamtlicher Schulbesucher zurückgreifen konnten. Die Simulationsbrillen sind etwas kleiner als gewohnt, weil die üblichen DBSV-Brillen zu groß für Kinderköpfe sind und immer mit einer Hand festgehalten werden müssen. Auch diesen wertvollen Hinweis verdankt der DBSV einer Ehrenamtlerin.
Wer blind oder sehbehindert ist und gern selbst einen Schulbesuch durchführen möchte, kann sich unter
www.schulaktion.dbsv.org die Materialien und einen kleinen Leitfaden für Ehrenamtler herunterladen und durchlesen. Hier gibt es auch ein Musteranschreiben zum Herunterladen, mit dem man sich an Schulen wenden kann. Die Aktionspakete können von den Mitgliedsorganisationen des DBSV bestellt werden. Fast alle Landesvereine und zahlreiche korporative Mitglieder haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.
Die Schulaktion wird von der Aktion Mensch gefördert und beginnt am 13. Januar mit der ersten Schulstunde. Diese wird im Louis-Braille-Center des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (BSVH) stattfinden. DBSV-Präsidentin Renate Reymann und der Präsident der Kultusministerkonferenz 2012, Hamburgs Schulsenator Ties Rabe, werden anwesend sein und Grußworte halten. Ab dem 16. Januar können dann im gesamten Bundesgebiet Schulbesuche durchgeführt werden. Der DBSV hat sich zum Ziel gesetzt, dass zu seinem hundertjährigen Bestehen im Jubiläumsjahr 2012 hundert Schulbesuche stattfinden sollen.
Volker Lenk, Pressesprecher des DBSV
Dazu drei Bilder:
Illustrationen aus den neuen DBSV-Materialien für Schulbesuche: drei Kinder mit verbundenen Augen – beim Trinken (li.), beim Essen (Mitte), beim Anziehen (re.)
Extrabuch auf DBSV-Inform:
In Buch 24 hören Sie die aufgesprochenen Materialien der Schulaktion 2012.
DBSV-Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2012
Bundespräsident Christian Wulff hat die Schirmherrschaft für das Jubiläumsjahr des DBSV übernommen.
- Auftakt zur DBSV-Schulaktion
13. Januar 2012
Hamburg, Louis-Braille-Center des BSVH
Erste Schulstunde in Anwesenheit des Präsidenten der Kultusministerkonferenz 2012, Hamburgs Schulsenator Ties Rabe - Tandem-Sternfahrt
31. Mai 2012: Ankunft in Berlin
1. Juni 2012: Tandem-Korso durch Berlin zum Tempodrom, dem Veranstaltungsort des Louis-Braille-Festivals
www.tandemsternfahrt.de - DBSV-Jugendclub-Fest in Berlin
30. Mai bis 1. Juni 2012
Mit Band- und Theaterworkshops sowie einem Turnier im Sehbehindertenfußball
www.dbsv.org/jugend - Louis-Braille-Festival der Begegnung 2012
1. Juni bis 3. Juni 2012
Berlin, Tempodrom am Anhalter Bahnhof
www.dbsv-festival.de - Benefizkonzert des Bundespräsidenten in Sachsen-Anhalt
7. September 2012
(Ort und Programm werden noch bekannt gegeben)
Der dem Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt zustehende Anteil aus dem Erlös des Konzertes kommt den Seminarangeboten des BSV Sachsen-Anhalt und des DBSV für blinde und sehbehinderte Jugendliche im Bereich Musik und Kultur zugute. - Festakt zum 100-jährigen Jubiläum des DBSV
26. Oktober 2012
Berlin, Humboldt Carré