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Simone muss ein Referat über Louis Braille schreiben. Ihre Freundin Anne spricht
von „Höchststrafe“. Doch dann fangen die beiden Feuer. Eine etwas andere Annäherung an den Erfinder der Punktschrift..
„Was machst du denn noch hier?“, fragte Anne ihre Freundin und ließ sich geräuschvoll auf einen Stuhl fallen. „Lesen“, antwortete Simone knapp. „Sag bloß“, bemerkte Anne leicht missmutig, „was für ein ungewöhnlicher Zeitvertreib in einer Bücherei.“ „Was?“, fragte Simone und sah nun doch von ihrem Buch auf. „Kommst du mit ins Kino?“, nutzte Anne die gewonnene Aufmerksamkeit. „Geht nicht“, schüttelte Simone den Kopf und machte dabei einen ziemlich leidenden Eindruck. „Schneider hat mir ein Referat über Louis Braille aufs Auge gedrückt.“ „Oh Gott“, stöhnte Anne, „das ist die Höchststrafe.“ Schneider gehörte bekanntermaßen zu den Lehrern, denen irgendwie immer ein Thema einfiel, das noch langweiliger zu sein schien als das langweiligste, das man bislang von ihm bekommen hatte. Und Louis Braille war wirklich schon von Generationen von Schülern bis zur völligen Blutleere ausgequetscht worden.

„Schreib“, sagte Anne und drückte Simone einen Stift in die Hand. „1809 in Coupvray östlich von Paris geboren, mit drei Jahren erblindet, mit zehn zur Blindenschule nach Paris gekommen. 1825 hat er die Blindenschrift erfunden. 1852 ist er gestorben, irgendwas mit der Lunge, glaube ich. Hast du das?“ „So weit war ich auch schon, aber woher weißt du das?“, fragte Simone, die auf diesen Wissensausbruch ihrer Freundin nicht gefasst gewesen war. „Keine Ahnung, hab ich mal irgendwo gelesen“, erwiderte Anne. „Aber jetzt komm, der Film fängt um 7 Uhr an und ich will vorher noch einen Döner.“
„Wie das wohl ist“, überlegte Simone laut. „Wie das sein soll? Super natürlich. Wir haben diesen neuen Laden entdeckt, direkt neben dem Billardcafé. Ich schwör dir, die haben den besten Döner westlich von Istanbul.“ Annes Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass sie mit großer Vorfreude dem kulinarischen Ereignis entgegensah. „Ich meine, wie das wohl ist, wenn so ein Dreijähriger plötzlich blind wird?“ „Also, ehrlich“, stöhnte Anne, „manchmal mache ich mir Sorgen um dich. Wie das sein soll? Beschissen natürlich. Oder was denkst du?“ „Braille hatte drei Geschwister, wusstest du das?“, fragte Simone. „Zwei Schwestern und einen Bruder, und er war das Nesthäkchen. Ich habe auch einen Bruder, der zehn Jahre jünger ist. Wenn ich mir vorstelle, der wäre mit drei Jahren blind geworden. Dass muss so eine Familie doch umhauen.“ „Klar“, antwortete Anne, „das war für alle der Hammer. Aber wie ist das noch mal passiert? Irgendein ätzender Unfall, oder?“ „Er hat in der Werkstatt seines Vaters mit einem Messer gespielt und sich ins Auge gestochen“, erklärte Simone. „Die Augen haben sich entzündet und mussten entfernt werden. Penicillin gab es ja noch nicht. – Wie oft hat sich Braille senior wohl gefragt, warum er das Messer nicht weggeräumt hat?“ „So etwas passiert jeden Tag irgendwo, da machst du nichts dran“, warf Anne ein. „Das macht es aber auch nicht leichter“, sagte Simone. „Nee“, stimmte Anne zu, „seine Eltern waren garantiert am Ende.“
„Aber sie haben ihn wenigstens nicht auch noch aus schlechtem Gewissen solange verhätschelt, bis er völlig matschig wurde“, aus Simones Stimme sprach Bewunderung. „Sie haben ihn auf die Dorfschule geschickt, zusammen mit sehenden Kindern.“ „Das finde ich irgendwie stark“, fiel ihr Anne ins Wort. „Das Ganze ist 200 Jahre her. Dass behinderte Kinder da überhaupt zur Schule gehen durften. Fragt sich nur, was er da gelernt hat.“ „Zumindest, dass es doof ist, wenn man nicht lesen kann“, vermutete Simone. „Wahrscheinlich haben ihn seine Eltern deshalb doch noch auf die Blindenschule nach Paris geschickt. Die gab es schon. Und da hat er dann mit 16 Jahren ein System erarbeitet, mit dem Blinde Schrift ertasten können.“ „Der alte Schneider wird stolz auf dich sein“, sagte Anne und klopfte ihrer Freundin im Aufstehen spielerisch auf die Schulter. „Komm, ich hab Hunger.“
„Eigentlich hat er die Schrift gar nicht erfunden“, meinte Simone zaghaft und stand ebenfalls auf. „Und schon hast du es dir mit Schneiderchen wieder verscherzt“, tadelte Anne sie, sah sie dabei aber fragend an. „Wieso meinst du, Braille hat die Schrift nicht erfunden?“ „Na ja“, sagte Simone, „es gab schon so etwas Ähnliches, die Écriture nocturne. Die hatte ein französischer Offizier für die Armee erfunden, damit die Soldaten nachts Befehle lesen konnten. Der Mann hieß Nicolas Barbier und hat seine Schrift auch Blinden gezeigt. Unser Louis fand sie aber zu umständlich und zu platzraubend, deshalb hat er sie so stark verändert, dass es eigentlich eine neue Schrift war.“„Na, da wird der kleine Louis ja der große Schulheld gewesen sein“, ging es Anne durch den Kopf. „Er nimmt diese Schrift, die ursprünglich dazu gedacht war, das Töten von Menschen im Krieg zu erleichtern und entwickelt daraus mir nichts, dir nichts etwas, was die Lebensqualität von vielen tausend Menschen auf der ganzen Welt völlig verändert.“
Für Annes Verhältnisse war das eine außergewöhnlich lange und engagierte Ansprache und sie musste erst einmal tief Luft holen. „So mir nichts, dir nichts auch wieder nicht“, merkte Simone deshalb an. „Die Entwicklung der Punktschrift dauerte nur ein Jahr, das stimmt, aber selbst als Louis 1852 starb, hatte sich die Brailleschrift noch nicht durchgesetzt. Sogar an der Schule, an der er als Erwachsener unterrichtete, versuchte der konservative Direktor, die Punktschrift zu unterdrücken.“ „Den würde ich an deiner Stelle im Referat beim Schneider lieber weglassen“, überlegte Anne mit großem Gespür für das Praktische. „Der ist ganz sicher mit ihm verwandt“. Simone kicherte. „Aber was können Blindenlehrer gegen Blindenschrift haben?“, fragte Anne verwirrt und mutmaßte: „Vielleicht dass ihre Schüler sich mit einer eigenen Schrift noch weiter von den Sehenden entfernen?“ Damit hatte sie tatsächlich einen Haupteinwand der damaligen Lehrerschaft benannt. Sie fanden, die erhabene lateinische Schrift stelle wenigstens ein Bindeglied zwischen sehenden und blinden Menschen dar, auch wenn sie für die blinden Schüler schwieriger zu nutzen war. „Stimmt ja sogar“, war Anne von ihrem eigenen Gedanken begeistert. „Wenn ein blinder Schüler Brailles Punktschrift lernte, konnte er damit keine Briefe nach Hause schreiben. Dort konnte ja niemand die Schrift lesen.“ „Richtig, du Schlauberger“, sagte Simone und nahm das Buch vom Tisch. „Deshalb hat Braille später auch noch eine Punktschrift erfunden, bei der lateinische Buchstaben in Punkten dargestellt werden. Die konnten Blinde mit den Fingern und Sehende mit den Augen lesen. Sie hieß ‚Raphigraphie‘.“ „Davon habe ich ja noch nie etwas gehört“, warf Anne ein. „Sie hat auch nie wirklich eine Rolle gespielt, weil kurze Zeit später die ersten funktionierenden Schreibmaschinen entwickelt wurden. Damit konnten Blinde perfekt Schwarzschrift schreiben und eine Punktschrift für lateinische Buchstaben wurde überflüssig.“
„Und jetzt wird die ganze Blindenschrift überflüssig“, meinte Anne, nahm ihrer Freundin das Buch aus der Hand und stellte es ins Regal. Plötzlich stutzte sie. „Vielleicht bist du die Letzte in einer jahrtausendealten Reihe von Schneider-Schülern, die ein Referat über Louis Braille hält.“ „Wie kommst du denn darauf?“, wollte Simone wissen. „Na ja“, meinte Anne nachdenklich, „wenn es jetzt Hörbücher, Diktiergeräte und sprechende Computer gibt, dann wird Punktschrift wohl nicht mehr gebraucht. Wer interessiert sich dann noch für Louis Braille? Nicht mal der alte Schneider.“ „Auf keinen Fall“, protestierte Simone, „vielleicht werden die Menschen keine ganzen Bücher mehr in Punktschrift lesen, aber stell dir vor, du wärst blind und willst dich morgens anziehen. Woher weißt du, ob das T-Shirt, dass du in der Hand hast, rot oder grün ist?“ „Das weiß ich, weil ich die roten T-Shirts immer links ins Fach lege und die grünen immer rechts“, behauptete Anne. Simone musste lachen: „Hallo? Dreiviertel deiner T-Shirts liegen überhaupt nicht im Schrank, sondern auf dem Fußboden.“ „Stimmt“, gab Anne zu, „aber wenn ich blind wäre, dann würde ich ordentlicher sein.“ „Weil unser Körper beim Versagen der Augen das geheimnisvolle Ordentlichkeitsenzym ‚Räumonase‘ produziert?“, spann Simone die Versprechungen ihrer Freundin weiter. „Gut, vielleicht nicht“, gestand ihr Anne zu. „Aber was hat das alles mit Louis Braille zu tun?“
Darüber hatte Simone gerade nachgedacht, als Anne in die Bibliothek kam. „Viele blinde Menschen helfen sich beim Identifizieren von Dingen mit kleinen Aufklebern oder Einnähern mit Punktschrift. So können sie lesen, welche Farbe ein T-Shirt hat oder ob ein Behälter Salz oder Zucker enthält. Da hilft weder der CD-Player noch irgendeine Sprachausgabe weiter. Außerdem gibt es auch noch eine Notenpunktschrift von Braille, nach der Musiker in aller Welt spielen.“ „Weißt du, was ich cool finde?“, fragte Anne und steuerte auf den Ausgang zu, „dass unser Louis 200 Jahre alt wird und immer noch gebraucht wird. Da hat der alte Schneider dir doch tatsächlich ein Referatsthema gegeben, das gar nicht so langweilig ist wie sonst.“ Und weil sie damit zum dritten Mal Recht hatte, hatte sie sich ihren Döner redlich verdient.
Johannes Willenberg, Blinden- und Sehbehindertenverein Westfalen