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Sie sind hier:Startseite >Ratgeber >Betroffenengruppen >Jugendliche >Freizeitberichte >Archiv der Freizeitberichte > Ganz Kiel aktiv, wir auch!
Waren Sie schon mal auf der Kieler Woche?
Nein, Sie sind blind oder sehbehindert und trauen sich das nicht zu...? Die Sommertour 2008 der Fachgruppe Jugend der Blinden- und Sehbehinderten-vereine in NRW, die wir in diesem Jahr mit der Jugend in Schleswig-Holstein zusammen geplant hatten, führte die insgesamt 18 Teilnehmer, davon auch eine Teilnehmerin aus Dänemark, in die schöne Stadt an der Ostsee. Schon auf unserem Weg in die Jugendherberge Kiel war das tobende Leben in der Stadt deutlich zu spüren. Ein Ausnahmezustand, wie wir Rheinländer ihn am ehesten vom Karneval her kennen! Die Kieler Woche war noch in vollem Gange. Und so stürzten wir uns dann auch gleich nach dem Abendessen und am Nachmittag des 29.06.2008 ordentlich ins Getümmel! Hierbei nutzten wir den Begleitservice der Deutschen Angestelltenakademie (DAA), der nun schon zum 4. Mal während der Kieler Woche für Menschen mit Behinderung angeboten wird. Die freundlichen Helfer der DAA waren gerne bereit, mit uns z. B. über den Internationalen Markt mit all seinen musikalischen und kulinarischen Angeboten zu schlendern und vieles mehr mit uns zu erleben. Ohne dieses Angebot wäre der Besuch der Kieler Woche für uns in dieser Form nicht möglich gewesen. Aber Kiel und Umgebung hat noch viel mehr zu bieten: Gleich am Hauptbahnhof befindet sich eine Tastsäule von Kiel und Umgebung, die vor einigen Jahren von den Rotarieclubs in Kiel anlässlich Ihres 100-jährigen Jubiläums gestiftet wurde. Diese ist blinden und sehbehinderten Besuchern sehr zu empfehlen, da man sich hier einen gefühlten Überblick über die Gegend verschaffen und gleichzeitig auch über die Geschichte Kiels etwas erfahren kann. Während einer Innenstadtbegehung durch das 1242 gegründete Kiel konnten wir u. a. auch einige Statuen betasten, z. B. die des "Geistkämpfers" an der Nikolaikirche und des sog. "Kieler Roland", einer Ritterfigur mit Schwert, die den Kieler Marktplatz ziert und - wie in vielen anderen Städten - als Sinnbild der Stadtrechte gilt. Der "Geistkämpfer" ist eine Bronzeskulptur und wurde im Jahre 1928 vom bekannten norddeutschen Bildhauer Ernst Barlach geschaffen. Die Statue zeigt einen Schwert tragenden Engel (das Gute), der kraftvoll über einem Raubtier (dem Schlechten) steht. Die gesamte Statue (ohne Sockel) hat eine Gesamthöhe von 4,63 m. Außerdem stand eine Führung der Schleuse in Kiel-Holtenau am Nord-Ostseekanal und im Schleusenmuseum auf dem Programm. Wir erfuhren hier beispielsweise, dass der Wasserunterschied zwischen Ostsee und Nord-Ostsee-Kanal in Kiel lediglich ½ bis 1 Meter beträgt, da die Ostsee ja eher ein Binnengewässer ist. Außerdem bekamen wir einen Überblick über die technischen Abläufe von Schleusen. Am vorletzten Tag unserer Tour unternahmen wir eine Fahrt nach Laboe.Hier wurde es zunächst eher nachdenklich, als wir das U-Boot sowie das Marine-Ehrenmal besichtigten. Das Ehrenmal existiert seit 1936 und wurde ursprünglich zu Ehren der gefallenen Marinesoldaten des 1. Weltkrieges errichtet. Heute wird der Soldaten beider Weltkriege gedacht. Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Führung bekamen wir auch Zutritt zur Gedenkhalle, direkt zur Mitte des Raumes (in der die Kranzniederlegungen und Trauerfeiern stattfinden), die durch ihre bemerkenswerte Akustik auffällt. Vor allem diesen Teil der Führung empfanden viele von uns als sehr ergreifend, da extra für unsere Gruppe die Musik der Feierlichkeiten vorgespielt und eine Seite gepfiffen wurde. Auch bei der Besichtigung des Hochseetauchbootes U 995, für das eigentlich keine Führungen durch einen Mitarbeiter vorgesehen sind, erwies sich der Deutsche Marinebund als sehr kooperativ.Das U-Boot hat einen Tiefgang von 4,78 m und war während des 2. Weltkrieges im Einsatz, diente später als Schulboot für die norwegische Marine und steht seit 1972 in Laboe direkt am Strand.Wir bekamen zunächst die Gelegenheit, das 6,20 m breite und 67,23 m lange U-Boot zu umlaufen und zu ertasten und konnten uns danach im inneren einen Eindruck über die Arbeits- und Schlafbedingungen der Besatzung verschaffen. Nach dieser ernsten Kost wurde es dann wesentlich tierischer. Die Meeresbiologische Station in Laboe, die direkt am Strand gelegen ist, erwartete uns am frühen Nachmittag. Hier erfuhren wir viel über die Unterwasserwelt der Ostsee, z. B. über Seesterne, Miesmuscheln und Hummer. In der Ostsee tummeln sich ca. 50 Fisch- und zahlreiche Pflanzenarten. Wir konnten beispielsweise einen lebenden Seestern, einen Einsiedlerkrebs, eine Seenadel und einige Modelle, z.B. das Gebiss eines Sandtigerhais, "begreifen". Auf eine Qualle ist sicher jeder Strandbesucher mal getreten. Wer allerdings Bekanntschaft mit dem Petermännchen machen sollte, muss sich auf einen Stich gefasst machen, der tagelang Schmerzen verursacht. Diese Wunde kann man allerdings mit einem Feuerzeug abbrennen, sodass man sich zwischen starken Schmerzen oder einer ordentlichen Brandblase entscheiden kann ...Gott sei Dank sind solche kleinen und großen "Ungetüme" an der Kieler Förde eher nicht zu finden und so konnten wir die beiden Strandbesuche während der Tour bei herrlichem Sommerwetter sehr genießen! Gebildet und gebräunt fuhren wir wieder nach Hause und mit der Erkenntnis, das auch Kiel eine Stadt ist, die kräftig feiern kann und in die es sich zu reisen lohnt!
Rolf Herfs, Manja Weiß und Niels Luithardt