"Du fährst zum JUGEND-Treffen?" - angesichts meiner 34 Lenze musste ich mir schon die eine oder andere spitze und spöttische Bemerkung gefallen lassen, als ich Freunden von meinem Plan berichtete, erstmals am DBSV-Jugendtreffen teilnehmen zu wollen. Doch bereits während der Vorstellungsrunde am Freitag Abend und im Anschluss an die Vorführung eines Hörfilms konnte ich feststellen, dass sich hier rund 40 fröhliche, offene und herzliche blinde und sehbehinderte Menschen im Alter zwischen 24 und 37 Jahren zusammengefunden hatten, die sich an diesem Wochenende mit Feuereifer dem Thema "Jung, blind, gleichberechtigt?" auf verschiedenste Weise nähern würden.
Am Samstag Vormittag berichtete uns Hela Michalski, Hörfilmbeschreiberin aus Schleswig-Holstein, über ihre Tätigkeit und den Verein Hörfilm e.V. Sie war im Jahr 2000 Gründungsmitglied des Vereins und hat seitdem ungezählte Stunden gemeinsam mit ihrem Hamburger Team verbracht, um blinden und sehbehinderten Menschen durch präzise in Dialogpausen eingefügte Erläuterungen zahlreiche Filmerlebnisse zu bescheren. Sie schilderte ihre Arbeit lebhaft und anschaulich und warb gleichzeitig dafür, sich durch den Verein, der bundesweit zahlreiche Teams betreut, zum Filmbeschreiber ausbilden zu lassen. Einig waren wir uns in der Diskussion darüber, dass die Audiodeskription dem Hörer wichtige Impulse geben, seine Fantasie jedoch keinesfalls vorwegnehmen oder im Sinne des des Regisseurwillens beeinflussen darf. Den zweiten Teil ihres Vortrags widmete Frau Michalski der Arbeit des Vereins "Andersicht e.V.", der seit seinem Bestehen bereits die Hallig Hooge, das Nordseemuseum in Husum und das Multimar-Wattform in Tönning, die sand und die ice world sowie die Präsentation "Augen im All" des Kieler Planetariums für Blinde und Sehbehinderte erfahrbar gemacht hat.
Der Nachmittag stand ganz im Zeichen der Bildung. Frau Wenzlaff (Landesschule für Blinde in Neukloster) und Herr Adrian (Landesförderzentrum sehen in Schleswig) stellten die von ihnen geleiteten Einrichtungen vor und skizzierten in Kurzvorträgen ihre jeweiligen Bemühungen, das Recht auf inklsuive Bildung behinderter Menschen aus Art.24 der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) zu realisieren. Die Bundesrepublik Deutschland hat die Konvention vor zwei Jahren ratifiziert. Seitdem wird innerhalb der Selbsthilfe, in zahlreichen Arbeitsgruppen und seitens der zuständigen Landes- und Bundesministerien lebhaft und durchaus kontrovers über Möglichkeiten, Chancen, Gefahren und Kosten der konkreten Umsetzung diskutiert. Viele Teilnehmer berichteten von ihren ganz persönlichen ERfahrungen mit den unterschiedlichen Schulformen und stellten Fragen zum praktischen Schulalltag in der ihnen jeweils nicht bekannten Beschulungsform. Die Runde war sich einig darüber, dass blinden und sehbehinderten Kindern und ihren Eltern unbedingt ein Wahlrecht erhalten bleiben muss, da die jeweils "richtige Schule" eine höchst individuelle und sorgfältige Abwägung zugunsten der optimalen Förderung des Kindes erfordert. Deutlich wurde die Notwendigkeit, Verantwortungsträger immer wieder für die besonderen Belange blinder und sehbehinderter Schüler und ihren pädagogischen Förderbedarf zu sensibilisieren und selbstbewusst mit Hilfe schlagkräftiger Argumente die erforderliche finanzielle Ausstattung der Schulen und sorgfältige Ausbildung entsprechender Pädagoginnen und Pädagogen einzufordern. Und so brachten wir diese Forderung gleich in ein Gespräch mit der stellvertretenden Lpräsidentin des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern, Frau Renate Holznagel, ein. Frau Holznagel legte den Schwerpunkt ihrer Ausführungen allerdings eher auf die generelle Aufgabenstellung des Landtages und ihre eigene Tätigkeit als Vizepräsidentin sowie innerhalb der Fachausschüsse. Sie engagiert sich seit der politischen Wende 1989 in der CDU und befasste sich vorrangig mit den Themenfeldern Frauen-, Kirchen- und Agrarpolitik sowie der Zusammenarbeit mit den Ostseeanrainerstaaten. Schließlich ging sie auf die bevorstehende Kreisgebietsreform in Mecklenburg-Vorpommern ein. Schließlich doch nochBezug nehmend auf unseren Personenkreis berichtete sie, dass der Schweriner Landtag erstmals am 28. Oktober 2010 einen "Tag der behinderten Menschen" durchgeführt hat, auf dessen Wiederholung Frau Holznagel hofft. Ferner ging sie kurz auf ein Modellprojekt inklusiver Beschulung mit dem Förderschwerpunkt Sprache und emotionale Beeinträchtigung auf Rügen ein. Im Anschluss berichtete der sie begleitend Protokollchef des Landtags aus seiner Tätigkeit als Bürgermeister einer kleinen Gemeinde.
Nach Indien, genauer gesagt nach Trivandrum im Bundesstaat Kerala, wo sich das International Institute for social Entrepreneurs (IISE), gegründet von Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg befindet, entführte uns am Nachmittag Jessica Schröder aus Berlin, die dort eine einjährige Ausbildung absolviert hat. Zunächst stellte Jessica uns jedoch die "selbstbestimmt-leben-Bewegung" vor und leitete sehr geschickt eine Diskussion der Gruppe über Stereottypen in Bezug auf sehbehinderte und blinde Menschen, die sich häufig in Form von Viktimisierung oder Idealisierung dieser Personengruppe ausdrückt. Dann aber gings nach Indien: Jessica berichtete, dass es in ganz Indien insgesamt ca. 80-100 Millionen behinderte Menschen gäbe, von denen knapp 50% sehgeschädigt seien. In Kerala leben etwa 835.000 Behinderte, von denen nur ca. 5.000 Personen die Möglichkeit zum Schulbesuch bekommen. Sehbehinderte Menschen erhalten eine monatliche Rente in Höhe von 3.000 Rupien, was in eta 8 Euro entspricht. Dann ging es an die Praxis: Jessica verstand es, uns alle zu fesseln! Ihren einjährigen Aufenthalt am IISE, das gemeinsame Leben mit den übrigen Teilnehmern, Wünsche und Träume der Absolventen, deren Umsetzung in zahlreichen, intensiven Projekten vorbereitet wurde sowie die ungeheure Energie von Sabriye Tenberken beschrieb Jessica mit großem Engagement und untermalte ihre Ausführungen mit Audio-Beispielen exotischer Vögel und durch Präsentationen der Vorhaben einiger ausgewählter Teilnehmer. Die Gruppe war fasziniert und löcherte Jessica mit Fragen.
Am Sonntag Abend schließlich stellte Torsten Resa vom DBSV die Sportart Showdown bzw. Tischball vor und erläuterte jedem, der Lust hatte, es auszuprobieren, geduldig die Grundbegriffe dieses rasanten, ein wenig an Tischtennis erinnernden Spiels.
Dieses spannende und abwechslungsreiche Seminar wurde umrahmt von geselligen Abenden, einer Disco am Samstag sowie Spaziergang in die wunderschöne Umgebung des Hauses. Sicher wurden auch diesmal neue Freundschaften geknüpft, alte vertieft und Pläne für weitere Aktivitäten geschmiedet. So gab es auch viel positives Feedback und Lob für die diesjährigen Organisatoren Ines und Christian sowie die rundum-sorglos-Betreuung durch das Personal der Ostseeperlen. An Vorschlägen für das Folgeseminar mangelte es nicht: Anregungen gingen von Diskussionen mit den sozialpolitischen Sprechern einzelner Fraktionen in Land- und Bundestag, Einladung an Verttreter von Sozialverbänden über die Vorstellung eines Berufsbildungs- oder Berufsförderungswerkes und den Austausch über Sehbehinderte und Blinde im Beruf sowie die damit verbundene Jobsuche bis hin zur Vorstellung des DVBS und der RBM oder dem Thema "Blinde und Sehbehinderte in Partnerschaft und Sexualität". Es verspricht also auch im Jahr 2012 wieder ein sehr informatives, abwechslungsreiches und geselliges Programm zu werden, weshalb ich Euch in jedem Fall wärmstens empfehlen möchte, Euch den voraussichtlichen Termin schon einmal dick im Kalender vorzumerken: 17.-20.02.2012.
Ich schließe mich dem Dank der Teilnehmer an Leitungsteam und Personal der Ostseeperlen an und danke auch allen Teilnehmern für den herzlichen, hilfsbereiten und freundschaftlichen Umgang untereinander. Vielleicht treffen wir uns im kommenden Jahr in Boltenhagen (wieder)?
Lydia Sasnovskis