GFTB: Qualifikationsprofil für Taubblindenassistentinnen und -assistenten

Persönliche Assistenz ist für taubblinde Menschen der wesentlichste Schlüssel für eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Darum fordert der GFTB, dass den Betroffenen diese Assistenz durch qualifizierte Fachleute im erforderlichen Umfang zur Verfügung steht.

Der GFTB hat folgende Mindestanforderungen für die Ausbildung qualifizierter Taubblindenassistenten erstellt. Diese Anforderungen müssen alle Personen erfüllen, die bezahlte Taubblindenassistenz anbieten. Einrichtungen und Institute, die Taubblindenassistenten qualifizieren, müssen ihre Qualifikation an diesen Anforderungen orientieren und diesen Mindeststandart nachweisen. Stellen, die Taubblindenassistenten ausbilden, müssen ihre Qualifikation an diesen Mindestanforderungen orientieren. Zurzeit wird die Qualifikation für Taubblindenassistenten in Deutschland neu entwickelt und bisher durch wenige Maßnahmen erprobt. Der GFTB hält es für notwendig, dass Einrichtungen von Qualifizierungsmaßnahmen den Umfang und den Mindeststandart der Qualifikation erweitern und über diese Anforderungen hinaus weiter entwickeln.

Stellen, die Taubblindenassistenten qualifizieren, können beim GFTB die Anerkennung ihres Ausbildungsganges beantragen und nach Erhalt der Anerkennung diese in ihren Zertifikaten nennen. Die nachträgliche Anerkennung bereits abgeleisteter Maßnahmen ist grundsätzlich möglich.

Der GFTB strebt eine bundesweit einheitliche gesetzliche Regelung für die regelmäßige Finanzierung von Taubblindenassistenz in allen Lebensbereichen an. Die Professionalisierung von Taubblindenassistenz erfordert eine regelmäßige Überarbeitung und Weiterentwicklung des Qualifikationsprofils.

Qualifikationsprofil

1. Voraussetzungen für den Beginn der Weiterbildung

  1. Erfahrung im Umgang mit taubblinden Menschen
    Zwei Hospitationen mit taubblinden Menschen müssen nachgewiesen werden, davon mindestens eine bei einer Veranstaltung (z. B. Taubblindentreffen) mit mehreren Betroffenen.
  2. gute Schriftsprachkompetenz
    • nachzuweisen durch einen Test
    • Verstehen von Buch- und Zeitungstexten (keine Fachbücher) sowie Behördenpost
  3. ausgereifte Kommunikationsfähigkeit/Sozialkompetenz in Alltagssituationen
  4. soziales Engagement
  5. Mindestalter von 21 Jahren

2. Aufgabengebiet Kommunikation und Information

Nötige Qualifikationen, die am Ende der Weiterbildung erreicht sein müssen:

  1. Kompetenzen in der Deutschen Gebärdensprache sind als Zulassungsvoraussetzung zur Abschlussprüfung nachzuweisen
    • fließende Beherrschung der Gebärdensprache, d.h. guter Wortschatz, der flexibel angewendet wird; grammatikalisch richtiges Gebärden, ohne über einzelne Formulierungen oder Regeln nachzudenken; saubere und für Gehörlose klar und gut zu verstehende Ausführung der Gebärden
      (Dies entspricht z. B. dem Mittelstufenniveau beim Gehörloseninstitut Bayern, GIB)
  2. Lautsprachbegleitendes Gebärden (LBG)
  3. Anwendung taktiler Gebärden und von Gebärden für Menschen mit Sehbehinderung
  4. Lormen: fließendes Lormen im Senden und Empfangen und an die Assistenznehmer angepasst
  5. Kenntnis über taktile Körperzeichen nach skandinavischem Vorbild
  6. Grundlagen der Informationsvermittlung für taubblinde Menschen in je vom Assistenznehmer gewünschten Kommunikationsformen
  7. Anpassungsfähigkeit an die Kommunikationsbedürfnisse verschiedener taubblinder Menschen. Zusammenfassen von Inhalten und Anpassen an das sprachliche Niveau des taubblinden Menschen, z. B. Kernaussage finden, Umformulierungen in leichte Sprache, Geschwindigkeit anpassen.
  8. Brailleschrift: Vollschrift visuell lesen und schreiben können z. B. mit Hilfe eines Punktschriftalphabets und Braille-Schreibmaschine, Beherrschung der Brailleschrift ist nicht erforderlich
  9. digitale Kommunikation, z. B.
    • Mail, Internet, SMS, Dokumente einscannen:
    • Kenntnisse über die dazu bestehenden Möglichkeiten für taubblinde Menschen und die dazu nötigen Hilfsmittel
  10. Einflüstern und Umgang mit lautsprachlichen Hilfsmitteln, z. B. Mikroportanlage, Mitsprechen ins Mikrophon
  11. Kenntnis weiterer Hilfsmitteln für die Kommunikation, z. B. Brailleziele, Zoomprogramme
  12. Mitschrift am PC

Anmerkung: Taubblindenassistenten müssen keine Qualifikation als Dolmetscher haben; sie müssen die Grundlagen der Kommunikation beherrschen und diese unterstützen können, wogegen Dolmetscher Kommunikation sicherstellen müssen.

Zeitumfang: mindestens 40 Stunden à 60 Minuten

3. Aufgabengebiet Mobilität

Nötige Qualifikationen, die in der Weiterbildung erreicht werden müssen:

  1. Begleitung im Straßenverkehr und Gebäuden
  2. Begleitung Betroffener mit weiteren Besonderheiten wie Senioren, Personen mit Gleichgewichtsstörungen
  3. Fähigkeit der Anpassung der eigenen Ausstattung an individuelle Wahrnehmungsbedingungen (Seh- und Hörreste) und Bedürfnisse der Assistenznehmer
  4. vorbereitende Absprachen für Notsituationen
  5. Kommunikation und Information während der Begleitung
  6. Information über vorausliegenden Weg und Umwelt geben: Kenntnis der speziellen Signale, die vom Institut zur Rehabilitation und Integration Sehgeschädigter (IRIS) entwickelt wurden
  7. Begleitung in speziellen Umgebungssituationen wie, z. B.
    • Passieren von Türen und Drehtüren
    • Passieren von engen Stellen
    • Benutzung von Treppen, Rolltreppen und Fahrstühlen
    • Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Ein- und Aussteigen
  8. Kenntniss von Körperschutztechniken
  9. Grundlagen der Orientierung und Mobilität blinder und sehbehinderter Menschen
  10. Grundlagen von lebenspraktischen Fähigkeiten blinder und sehbehinderter Menschen
  11. Kenntnisse über die Aufbereitung und Mitteilung von Raum- und Wegbeschreibungen für taubblinde Personen, u. a. zur Ermöglichung selbständiger Orientierung

Zeitumfang: mindestens 45 Stunden à 60 Minuten

4. Grundlagenwissen

Nötige Qualifikationen, die in der Weiterbildung erreicht werden müssen:

  1. Vereinbarungen mit dem Assistenznehmer treffen
  2. Reflexion des beruflichen Selbstverständnisses, Berufsbild
  3. Kenntnisse über Haftungs- und Versicherungsfragen
  4. medizinisches Grundwissen zu Hör- und Sehbehinderung sowie Taubblindheit
  5. Psychologie: Situation der Betroffenen und Behinderungsverarbeitung
  6. Sozialrecht: Rechte taubblinder Menschen
  7. Kenntnisse über Hilfsmittel für hörsehbehinderte und taubblinde Menschen
  8. allgemeines Grundwissen über die Gehörlosenkultur und die Gebärdensprache
  9. Kenntnis über Vereine, Verbände, Selbsthilfegruppen etc. im Taubblindenbereich
  10. Vor- und Nachbereitung, Reflexion der Praktika

Anmerkung: Diese Kenntnisse dienen nicht dazu, Assistenten als Taubblindenberater zu qualifizieren.

Zeitumfang: mindestens 50 Stunden à 60 Minuten

5. Praktikum

Assistenzpraxis

  • unter Anleitung erfahrener Taubblindenassistenten
  • mit mindestens drei unterschiedlichen taubblinden Menschen
  • mit den Kommunikationsformen Lormen und (taktile) Gebärdensprache)
  • in unterschiedlichen Assistenzsituationen, z. B. Vortrag, Gruppentreffen, Wanderung

Zeitumfang: mindestens 50 Stunden à 60 Minuten

6. Prüfung

  1. Die Grundlagenkenntnisse müssen in einer theoretischen Prüfung nachgewiesen werden:
    • Klausur oder
    • mündliche Prüfung oder
    • Hausarbeit
  2. Praktische Prüfung
    • Kommunikation, mindestens in den Bereichen: Deutsche Gebärdensprache, Lormen, taktile Gebärden und Braille und
    • Mobilität

Gesamtzeitumfang

  • Kommunikation und Information: mind. 40 Stunden à 60 Minuten
  • Mobilität: mind. 45 Stunden à 60 Minuten
  • Grundlagen: mind. 50 Stunden à 60 Minuten
  • Praktikum: mind. 50 Stunden à 60 Minuten

Gesamt: mind. 185 Stunden à 60 Minuten

Hannover, im Mai 2012

gez. Wolfgang Angermann GFTB-Vorsitzender