Corona-Ratgeber

Sie sind blind oder sehbehindert? Dann stellt Sie die Ausbreitung des Coronavirus (SARS-CoV-2) vor besondere Herausforderungen. Wir haben deshalb nützliche Informationen und Hinweise speziell für blinde und sehbehinderte Menschen zusammengetragen - von den Tipps eines Virologen über Hinweise zur augenärztlichen Versorgung bis hin zu arbeitsrechtlichen Fragestellungen.

Tipps vom Virologen für blinde und sehbehinderte Menschen

Weitere gesicherte Informationsquellen zu den gesundheitlichen Fragen rund um Corona

Augenärztliche Versorgung in der Corona-Krise

Kontaktlinsen und COVID-19

Hinweise für Berufstätige

Blickpunkt Auge: Beratung aktuell nur telefonisch oder online möglich

Tipps vom Virologen für blinde und sehbehinderte Menschen

Porträtfoto von Prof. Jonas Schmidt-Chanasit. Er ist ca. 40 Jahre alt, hat braune Augen und trägt ein graues Hemd. Seine Haare sind millimeterkurz geschnitten.
Prof. Dr. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit

Prof. Jonas Schmidt-Chanasit ist Virologe an der Uni Hamburg und Leiter der Virusdiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Für den Corona-Ratgeber des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes erklärt er, worauf blinde und sehbehinderte Menschen in der Corona-Krise achten müssen.

Interview: Volker Lenk

Lenk (VL): Unter unseren Mitgliedern gibt es einige, die vielleicht zu Risikogruppen gehören – was können Sie sagen zu Menschen, die 70, 80 Jahre oder älter sind?

Schmidt-Chanasit (JSC): Die gehören zu einer Risikogruppe, das heißt, sie haben ein erhöhtes Risiko, an dieser Infektion schwer zu erkranken und auch zu versterben. Insofern müssen sich diese Menschen jetzt besonders vor einer Infektion schützen, also auf soziale Kontakte, beispielsweise Besuche, verzichten. In Pflegeheimen werden diese Einschränkungen deshalb auch entsprechend durchgesetzt.

VL: Wie sieht es aus bei Menschen, deren Augenerkrankung auf einen Diabetes zurückzuführen ist?

JSC: Eine Zuckererkrankung kann zu Organschädigungen führen und das wiederum kann sich bei schweren Verläufen einer Corona-Infektion negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken. Insofern ist Diabetes mellitus als Grunderkrankung ein Risikofaktor. Wenn der Körper gegen eine Corona-Erkrankung kämpft und es Einschränkungen bei der Funktionsfähigkeit der Organe gibt, dann ist das eben nicht so gut.

VL: Was können Sie zu Uveitis-Betroffenen sagen?

JSC: Das Auge ist bei schweren Infektionen kein entscheidendes Organ, um diese Infektionen zu besiegen. Es gibt also erstmal keinen Zusammenhang von Uveitis und schweren Verläufen einer Corona-Infektion. Allerdings haben wir auch hier manchmal die Situation, dass die Grunderkrankung zu Problemen führt. Wenn die Uveitis beispielsweise im Rahmen eines Morbus Bechterew auftritt, dann führt diese Grunderkrankung oder auch die damit verbundene Medikation zu einem erhöhten Infektionsrisiko.

VL: Es gibt immer wieder Hinweise, dass man im öffentlichen Bereich möglichst wenig anfassen soll. Blinde und sehbehinderte Menschen sind besonders darauf angewiesen, sich taktil zu orientieren, müssen also viele Sachen berühren. Was können Sie in dieser Situation raten?

JSC: Das ist eine schwierige Situation, aber eine Schmierinfektion stellt jetzt auch nicht den Hauptübertragungsweg dar. Das viel höhere Risiko ist der persönliche Kontakt mit Erkrankten. Die indirekte Übertragung über Oberflächen ist wesentlich unwahrscheinlicher. Was man beachten muss, wenn man Oberflächen im öffentlichen Bereich berührt hat, ist, dass man sich auf keinen Fall ins Gesicht fassen sollte. Ich weiß nicht, inwieweit es möglich ist, Handschuhe zu tragen, das Tastvermögen ist dann ja eingeschränkt. Falls das möglich ist, würde man das empfehlen.

VL: Und wenn man sich sozusagen durch den öffentlichen Bereich gekämpft hat, sagen wir mal zum Arbeitsplatz, was soll man beachten, wenn man angekommen ist?

JSC: Dass man sich umgehend, sobald es möglich ist, gründlich die Hände wäscht oder sie desinfiziert, und das ist dann auch schon ausreichend. Falls man Handschuhe getragen hat, sollte man diese natürlich ablegen. Auch am Arbeitsplatz sollte man sich aber häufig und immer wieder die Hände waschen oder sie desinfizieren.

VL: Blinden und sehbehinderten Menschen fällt es naturgemäß schwer, selbst auf das Abstandhalten zu achten, unter Umständen merken sie es nicht, wenn ihnen jemand näher kommt, als es gut ist. Was können sie tun, um eine Ansteckung zu verhindern?

JSC: Hier sollte man auch nicht zu ängstlich sein. Es besteht gerade im offenen Raum, das heißt draußen, keine Gefahr, wenn einer zu nah an einem vorbei geht oder wenige Sekunden neben einem steht. Gefährlich wird es, wenn in geschlossenen Räumen ein Gespräch geführt wird und der Abstand mehrere Minuten, wir sagen 15 Minuten, nicht ausreichend ist. Aber das merkt man dann ja auch und die wenigen Sekunden, bis man es bemerkt, sind keine Gefahr.

VL: Gibt es neben den allgemeinen Regeln, wie richtiges Husten und Niesen, Abstandhalten und Händewaschen, andere Hygiene-Hinweise, die für blinde und sehbehinderte Menschen vielleicht hilfreich wären?

JSC: Das ist schon das wichtigste. Man sollte bei Sachen, die man normalerweise gemeinsam nutzt, darauf achten, dass man die Sachen personalisiert, das heißt, dass möglichst nur ein Mensch sie letztendlich benutzt und dass sie nicht durch viele verschiedene Hände gehen.

Das Gespräch wurde am 24. März 2020 geführt.

Weitere gesicherte Informationsquellen zu den gesundheitlichen Fragen rund um Corona

Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Die BZgA stellt auf ihren Internetseiten aktuelle und fachlich gesicherte Informationen rund um das Coronavirus und die Erkrankung Covid-19 für Bürgerinnen und Bürger bereit. Sie finden hier außerdem wichtige Hygiene- und Verhaltensempfehlungen zur Vorbeugung von Infektionen. Oberstes Gebot: Möglichst viel zu Hause bleiben, sich nicht ins Gesicht fassen, gute Hygiene mit richtigem Händewaschen und richtigem Niesen und Husten sowie möglichst Abstand zu den Mitmenschen halten.

Obwohl schwere Verläufe auch bei Personen ohne Vorerkrankung auftreten können, haben die folgenden Personengruppen laut BZGA ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe:

  • ältere Personen (mit stetig steigendem Risiko für schweren Verlauf ab etwa 50 bis 60 Jahren)
  • Raucher
  • Personen mit bestimmten Vorerkrankungen:
  • des Herzens (z. B. koronare Herzerkrankung)
  • der Lunge (z. B. Asthma, chronische Bronchitis)
  • Patienten mit chronischen Lebererkrankungen
  • Patienten mit Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
  • Patienten mit einer Krebserkrankung
  • Patienten mit geschwächtem Immunsystem (z. B. aufgrund einer Erkrankung, die mit einer Immunschwäche einhergeht oder durch Einnahme von Medikamenten, die die Immunabwehr schwächen, wie z. B. Cortison).

Die Internetseite der BZGA erreichen Sie unter: https://www.infektionsschutz.de/coronavirus/

Informationen des Robert-Koch-Institutes (RKI)

Die Webseite des RKI mit ausführlichen Informationen erreichen Sie unter:

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV.html

Wo gibt es spezielle Informationsangebote für behinderte Menschen?

Das Bundes Gesundheitsministerium (BMG) stellt eine vierseitige Broschüre mit Informationen zum Coronavirus in Brailleschrift zur Verfügung und schreibt dazu:

„Mit einfachen Maßnahmen können Sie helfen, sich selbst und andere vor Ansteckung zu schützen, Krankheitszeichen zu erkennen und Hilfe zu finden.“

Die Broschüre kann über den folgenden Link bestellt werden:

https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/publikationen/aktuelle-informationen-zum-coronavirus-in-brailleschrift-1735108

Außerdem gibt es auf den Seiten des BMG folgende weitere Informationsmöglichkeiten in barrierefreier Form:

Die Themenseite des BMG zum Corona-Virus erreichen Sie über den folgenden Link:

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus.html

Hier gibt es aktuelle Informationen, weiterführende Links, wichtige Kontaktadressen und auch eine Podcast-Reihe.

Augenärztliche Versorgung in der Corona-Krise

Die Corona-Pandemie hat gravierende Folgen für das Gesundheitswesen. Praxen und Kliniken bestehen derzeit einen massiven Belastungstest. Die Versorgung von Corona-Patientinnen und -Patienten mit schweren Krankheitsverläufen muss vorbereitet und sichergestellt werden. Krankenhäuser sind gehalten, Intensiv- und Beatmungskapazitäten bereitzuhalten und auszubauen. Deshalb werden aktuell alle planbaren und nicht notwendigen Untersuchungen, Behandlungen und Operationen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Was heißt das für Augenpatientinnen und -patienten, für Menschen mit einer feuchten AMD, einem diabetischen Makula-Ödem oder mit anderen akuten Erkrankungen der Augen? Frau Univ.-Prof. Dr. Antonia Joussen, Direktorin der Klinik für Augenheilkunde der Berliner Charité sagt: „Intravitreale Injektionen (Spritzen ins Auge) werden in jedem Fall weiter gemacht, auch notwendige Operationen.“ Zu anderen Notfällen verweist sie auf die Website ihrer Klinik mit aktuellen Informationen für Patientinnen und Patienten zur derzeitigen Situation (https://augenklinik.charite.de/). Überweisende Praxen seien ebenfalls informiert.

Gegenwärtig werden ausschließlich nicht verschiebbare Eingriffe durchgeführt. Zu den entsprechenden Diagnosen gehören beispielsweise eine frische oder wiederkehrende chorioidale Neovaskularisation (CNV, Neubildung von Gefäßen, führt zu Flüssigkeitsansammlungen in der Netzhaut), Netzhautablösung, Virusretinitis (Entzündung der Netzhaut), ein akuter Glaukomanfall, Endophthalmitis (Entzündung des Augeninneren), ein Hornhautgeschwür, ein neu diagnostizierter Tumor, eine Bulbusperforation (offene Augenverletzung) oder ein Fremdkörper im Auge. Wenn es sich um das einzige Auge mit Sehvermögen einer Patientin oder eines Patienten handelt, wird das bei der Beurteilung der Dringlichkeit berücksichtigt.

Alle  anderen Kliniken verfahren ganz ähnlich.

Der Berufsverband der Augenärzte (BVA) hat am 20.02.2020 Handlungsempfehlungen für seine Mitglieder herausgegeben (https://www.kaden-verlag.de/ueber-uns/nachrichten/neues-detail/corona-bva-verschaerft-handlungsempfehlungen/). Alle nicht notwendigen Untersuchungen sollen verschoben werden. Die Entscheidung wird in Abwägung zwischen der Gefahr der Verbreitung des Virus und der Gefährdung des Sehvermögens der Patientinnen und Patienten getroffen. Selbstverständlich sind auch in den Praxen die Hygienevorgaben einzuhalten. Eine generelle Praxisschließung sollte nur bei Vorliegen eines triftigen Grundes stattfinden. Das könnte der Fall sein, wenn die Ärztin oder der Arzt selbst zu einer Risikogruppe gehört oder an COVID-19 erkrankt ist. Auch sollten Patienten der eigenen Sprechstunde nicht unnötig in eine Augenklinik überwiesen werden. Operierenden Augenärzten empfiehlt der BVA ebenfalls, alle medizinisch nicht dringend notwendigen Operationen zu verschieben.

Kontaktlinsen und COVID-19

Neben dem gründlichen Händewaschen wird in Zeiten von COVID-19 immer wieder empfohlen, sich nach Möglichkeit nicht mit den Händen ins Gesicht zu fassen, besonders nicht in die Augen, da dies ein Risiko für die Übertragung des Corona-Virus ist oder sein könnte. Können da Kontaktlinsen weiter getragen werden?

In einer Pressemitteilung vom 31.03.2020 kommt die Vereinigung deutscher Contactlinsen-Spezialisten und Optometristen e. V. (VDCO) zu dem Schluss: Kontaktlinsentragen ist sicher – bei Einhaltung bestimmter Regeln (1). Sie verweist auf zwei Studien zu diesem Thema. Die Autoren beider Studien stimmen darin überein, dass die Tränenflüssigkeit von Infizierten kein sehr wahrscheinlicher Übertragungsweg für Covid-19 ist, dass jedoch weitere Studien mit einer höheren Anzahl von Probanden notwendig sind, um dies zu bestätigen (2, 3).

Prof. Dr. Christian Kempgens (Beuth Hochschule für Technik Berlin), erläutert was Kontaktlinsennutzerinnen und -nutzer jetzt besonders beachten müssen: „Es gelten dieselben Hygienebestimmungen wie sonst auch, mit der Empfehlung, nicht nur vor, sondern zusätzlich auch nach dem Auf- und Absetzen der Kontaktlinsen die Hände gründlich zu waschen – zum eigenen Schutz und zum Schutz der Mitmenschen. Und natürlich gilt wie immer: Kontaktlinsen nur tragen, wenn sich die Augen gesund anfühlen.“ Neben der strikten Einhaltung der persönlichen Hygiene müssen die bei der Kontaktlinsenanpassung mitgegebenen Pflegevorschriften genau beachtet werden. Benutzen Sie ausschließlich die festgelegten Hygiene- bzw. Pflegeprodukte und befolgen Sie die Austausch-Rhythmen und maximalen Trage- und Nutzungszeiträume, die auch in „normalen“ Zeiten gelten. So können Sie Kontaktlinsen auch in Zeiten von COVID-19 weiter tragen.

Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Christian Kempgens, Professor für Kontaktoptik im Studiengang Augenoptik / Optometrie und Leiter des Labors für Kontaktlinsen an der Beuth Hochschule für Technik Berlin, der unsere Fragen per Mail beantwortete.

Quellen

(1) Informationen der VDCO für Endverbraucher:
https://www.vdco.de/hygiene-contactlinsen-tragen-covid19/

(2) Xia J, Tong J, Liu M, Shen Y, Guo D. Evaluation of coronavirus in tears and conjunctival secretions of patients with SARS‐CoV‐2 infection. Journal of Medical Virology (2020), DOI:
https://doi.org/10.1002/jmv.25725

(3) Yu Jun IS, Anderson DE, Zheng Kang AE, Wang L-F, Rao P, Young BE, Lye DC, Agrawal R. Assessing Viral Shedding and Infectivity of Tears in Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Patients, Ophthalmology (2020), DOI: https://doi.org/10.1016/j.ophtha.2020.03.026

Hinweise für Berufstätige

Im Zusammenhang mit der Einschränkung sozialer Kontakte ergeben sich zahlreiche arbeitsrechtliche Fragestellungen. Ausführliche Informationen finden Sie u. a. auf den Internetseiten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) unter dem folgenden Link:

https://www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Informationen-Corona/informationen-corona.html

Hier geht es zum Beispiel um das Kurzarbeitergeld, Lohnfortzahlung bei Kinderbetreuung, arbeitsrechtliche Hinweise etc.

Die derzeitige Erkrankungswelle mit COVID-19 berechtigt Arbeitnehmer nicht automatisch, ihrer Arbeit fernzubleiben. Das gilt auch für blinde und sehbehinderte Menschen.

Wenn blinde und sehbehinderte Menschen aufgrund der behinderungsbedingten Schwierigkeiten (Erfordernis Gegenstände zu berühren, Schwierigkeiten bei der Reduktion von sozialen Kontakten wegen erforderlicher Assistenzleistungen) die Ansteckung fürchten, können sie versuchen, mit ihrem Arbeitgeber alternative Lösungen zu finden: Dazu gehören beispielsweise Homeoffice, kreative Arbeitszeitmodelle, Nutzung von Urlaub und Arbeitszeitkonten.

Auch wenn Homeoffice als eine Möglichkeit, soziale Kontakte zu minimieren, immer wieder empfohlen wird - ein gesetzlicher Anspruch darauf besteht derzeit nicht.

Sollte jemand zu einer Risikogruppe gehören, sollte mit dem behandelnden Arzt Kontakt aufgenommen werden, um die Arbeitsfähigkeit abzuklären.

Es ergeben sich für behinderte Menschen aber auch besondere Fragen in Bezug auf die Unterstützung am Arbeitsplatz. Informations- und Unterstützungsangebote sind bislang rar. Wenn behinderte Menschen, die am ersten Arbeitsmarkt tätig sind, aufgrund der Corona-Pandemie auf individuelle Unterstützung angewiesen sind, dann müssen sie auf flexible Kostenträger vor Ort hoffen. Einheitliche Absprachen, um Hilfen schnell und unbürokratisch zu bekommen, gibt es hier nicht.

Politik und Kostenträger haben bislang andere Schwerpunkte gelegt: So gibt es für Firmen mittlerweile verlängerte Fristen zur Anzeige der beschäftigten schwerbehinderten Menschen – die Grundlage für die Berechnung der Ausgleichsabgabe. Es gibt Weisungen, wie Einrichtungen in Corona-Zeiten mit Maßnahmen der beruflichen Teilhabe umgehen sollen und wie Behinderteneinrichtungen unterstützt werden.

Nachfolgend finden Sie einige Hinweise, die wir aufgrund der hier eingehenden Fragen blinder und sehbehinderter Menschen zusammengestellt haben:

Wenn Homeoffice keine Option ist: Kann ich eine finanzielle Unterstützung für die Bewältigung des Arbeitsweges mit einem Taxi bekommen?

Für viele blinde und sehbehinderte Menschen ist die Fahrt mit Bus und Bahn momentan eine echte Herausforderung. Wie soll man die richtige Buslinie herausfinden, wenn man den Busfahrer nicht mehr fragen kann, weil die vordere Eingangstür geschlossen bleibt? Wie soll man den Sicherheitsabstand zu anderen Menschen einhalten, wenn man sie nicht sieht? Wie soll man sich vor Infektionen schützen, wenn man alles berühren muss, um sich zurechtzufinden? Diese Probleme stellen sich natürlich auch auf dem täglichen Arbeitsweg.

Eine Unterstützungsmöglichkeit bietet unter bestimmten Voraussetzungen die Kfz-Hilfe nach der Kraftfahrzeughilfe-Verordnung (KfzHV). Im Rahmen der Härtefallregelung (§ 9 KfzHV) können unter Berücksichtigung einer Eigenbeteiligung des behinderten Menschen Zuschüsse für die Beförderung durch einen Beförderungsdienst geleistet werden. Dabei wird u. a. vorausgesetzt, dass der behinderte Mensch wegen Art und Schwere der Behinderung öffentliche Verkehrsmittel nicht benutzen kann.

Im Falle einer Antragstellung muss man begründen, weshalb man aus behinderungsbedingten Gründen den Arbeitsweg nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen kann und stattdessen eine Beförderung mit einem Beförderungsdienst (z. B. einem Taxi) unumgänglich ist.

Kommt keine Kfz-Hilfe in Betracht, sollten die anderen gesetzlichen Auffangklauseln im Recht der Teilhabe am Arbeitsleben genutzt werden, um besondere Härten bis hin zum Arbeitsplatzverlust zu vermeiden.

Letztlich handelt es sich immer um Einzelfallentscheidungen, die vor Ort zu treffen sind. Darauf wies uns die Bundesagentur für Arbeit auf Nachfrage hin.

Kann ich zusätzliche Hilfsmittel für meine Arbeitsplatzausstattung bekommen, um Arbeiten im Home-Office zu ermöglichen?

Grundsätzlich ist es den Rehabilitationsträgern und dem Integrationsamt rechtlich möglich, zusätzliche technische Arbeitshilfen zur Verfügung zu stellen.

Unabhängig von der rein rechtlichen Bewertung ist darauf hinzuweisen, dass einige Anbieter von Vergrößerungs- und Screenreader-Software vorübergehend kostenlose Lizenzen bereitstellen, um Arbeitsplätze im Home-Office nutzbar zu machen. Über diese Möglichkeiten sollte mit der jeweiligen Hilfsmittel-Firma gesprochen werden.

Was muss ich tun, um Unterstützung zu bekommen, und wer hilft mir weiter?

Will man als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer eine Kfz-Hilfe beantragen oder braucht man zusätzliche Hilfsmittel für die Arbeiten im Homeoffice, so muss man beim zuständigen Rehabilitationsträger (zu den in diesem Zusammenhang relevanten Rehabilitationsträgern gehören vor allem die Bundesagentur für Arbeit, die Träger der Rentenversicherung und die Träger der Unfallversicherung) einen Antrag auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben stellen.

Die Integrationsämter können im Rahmen der begleitenden Hilfen im Arbeitsleben unterstützen.

Ist man selbstständig oder in einem Beamtenverhältnis tätig, dann wendet man sich in jedem Fall zunächst ans zuständige Integrationsamt.

Die Bearbeitung eines Antrages auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben oder auf begleitende Hilfen im Arbeitsleben kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Zwar gibt es geregelte Fristen, aber gerade jetzt ist schnelle Hilfe gefragt. In diesem Fall gibt es die Möglichkeit der Kostenträger, Leistungen vorläufig zu erbringen. Alternativ gibt es in bestimmten Ausnahmesituationen auch die Möglichkeit, sich nach Antragstellung bestimmte Hilfen selbst zu organisieren und Kostenerstattung geltend zu machen. Voraussetzung ist, dass die Leistung unverzüglich erbracht werden muss. Wenn man davon Gebrauch machen will, sollte man das zumindest beim Kostenträger anzeigen und sich ggf. auch noch einmal rechtlich beraten lassen.

Wichtig: Suchen Sie bei einem Unterstützungsbedarf in jedem Fall umgehend den Kontakt zu ihrem zuständigen Kostenträger.

Die Sozialleistungsträger haben aufgrund der Corona-Pandemie derzeit ihre Vor-Ort-Services und -Sprechzeiten eingeschränkt. Über die Internetseite

www.ansprechstellen.de

haben Ratsuchende die Möglichkeit, die für sie relevante Ansprechstelle bei der Bundesagentur für Arbeit, der Rentenversicherung oder dem Integrationsamt mit den jeweiligen Kontaktdaten (Telefonnummer, E-Mail etc.) zu finden.

Wo kann ich Beratung und Unterstützung bekommen, wenn ich mit meinem Kostenträger nicht weiterkomme?

Bei rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit der Behinderung können sich blinde und sehbehinderte Menschen direkt an die gemeinnützige Rechtsberatungsgesellschaft des DBSV „Rechte behinderter Menschen” wenden. Die Beratung ist kostenlos.

Kontakt: www.rbm-rechtsberatung.de

Blickpunkt Auge: Beratung aktuell nur telefonisch oder online möglich

Blickpunkt Auge ist das qualitätsgesicherte Beratungsangebot des DBSV und seiner Landesorganisationen. Es richtet sich an Menschen mit Sehbeeinträchtigungen bis hin zur Blindheit oder mit Erkrankungen, die zu einem Sehverlust führen können, sowie an deren Angehörige.

Aufgrund der Corona-Krise kann Blickpunkt Auge Beratungsgespräche derzeit nur telefonisch anbieten. Ratsuchende werden gebeten, sich bis auf Weiteres per Telefon oder E-Mail an den Beratungsdienst zu wenden.

Die Kontaktdaten der Beratenden vor Ort finden Sie bei den regionalen Beratungsangeboten unter www.blickpunkt-auge.de/regionen.html. Gern können Sie sich auch an den überregionalen Dienst in Berlin wenden, Tel.: 030 – 28 51 87 287 oder E-Mail: info@blickpunkt-auge.de.