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Jung und alt lernen gemeinsam. Alle profitieren davon. Das ist keine Utopie. Das EU-Projekt "INTERGEN" für intergenerative Solidarität blinder und sehbehinderter Menschen beweist, dass es funktioniert.
In jeder Altersgruppe entwickeln blinde und sehbehinderte Menschen ihre eigenen Fähigkeiten, mit denen sie erfolgreich Alltag und Beruf meistern. Dabei verfügen die Jüngeren in der Regel über ausgezeichnete PC-Kenntnisse und wissen, wie sie mit dem Internet und elektronischen Hilfsmitteln umgehen. Jüngere wiederum können von den Erfahrungen der Älteren profitieren, die ihnen praktische Tricks beibringen, die für die Bewältigung des Alltags unerlässlich sind. Denn wenn das Sehvermögen schlechter wird oder gar verloren geht, fallen die einfachsten Handgriffe schwer.
Dieser Wissenstransfer zwischen den Generationen steht im Mittelpunkt des Projektes "INTERGEN", das Mitgliedsorganisationen der Europäischen Blindenunion (EBU) bis Ende 2010 durchführen. An dem Projekt beteiligen sich
die Europäische Blindenunion (EBU)
die Italienische Blinden- und Sehbehindertenunion (ONLUS)
das Italienische Institut für berufliche Rehabilitation Blinder (IRIFOR)
der Türkische Blindenverband (TFB)
die türkische Stiftung "Sechs Punkte" (Reşitpaşa) Das Projekt bringt verschiedene Generationen zusammen und ermöglicht ihnen, sich gegenseitig auszutauschen und voneinander zu lernen. Dabei verfolgt es einen methodischen Ansatz. Die mitwirkenden Organisationen veranstalteten zwischen April und Juni 2009 Praxisseminare, in denen alt und jung in Zweierteams in den gegenseitigen Erfahrungsaustausch traten. Die Ergebnisse aus den Workshops wurden dokumentiert und vom 28. bis zum 29.05.2010 in Hamburg mit einer anderen Gruppe nochmals erprobt. Die Erkenntnisse fließen in ein Kompetenzhandbuch. Es besteht aus zwei Teilen:
Das Handbuch richtet sich an Beratungs- und Schulungszentren. Es soll ihnen dabei helfen, Generationen übergreifende Seminare zu planen und zu veranstalten.
Geduldig und ruhig erklärt Svenja Löbber Achim Wenger die Funktionen des Gerätes, mit denen er vor- und zurückspulen und durch das
Mieterlexikon navigieren kann. obwohl das Navigieren in akustischen Texten doch ein wenig Übung verlangt, kann der 67-jährige die Funktionen schnell nachvollziehen. Begeistert über die einfache Bedienung wiederholt er die Schritte. Wenger konzentriert sich dabei auf Texte und Tasten und navigiert zum Zielbegriff "Mietkaution". "Jetzt muss ich erst einmal mit der linken Taste zurück gehen", stellt er fest. "Du kannst auch eine Ebene höher gehen und dann den Buchstaben anwählen", rät ihm die 35-Jährige, nachdem er beim Buchstaben W gelandet ist. Nach einigen Sekunden hat er es geschafft.
Wer mit einem Messer bislang immer zu viel dem Mülleimer überlassen hat, ist jetzt davon überzeugt, dass mit einem Spargelschäler mehr für die leckere Mahlzeit übrig bleibt. Einfach den Schäler vom Spargelkopf nach unten ziehen.
Vieles gibt es zu erfahren und zu entdecken: wie man Ordnung in der Küche hält oder wie man mit einem Füllstandsanzeiger heißen Kaffee in die Tasse gießen kann, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen. Der Trick: das Hilfsmittel wird in die Tasse gehängt. Mit einem lauten Rascheln kündigt es an, wenn sich die Flüssigkeit dem Tassenrand nähert.
Bildplatzhalter: Teilnehmer schmiert sich ein Brötchen
Butter lässt sich besser streichen, wenn man sie in Kreisbewegungen aufstreicht, und das Brötchen dabei dreht. Doch zuvor muss das Brötchen aufgeschnitten werden. Auch mit einem Sehverlust ist dies kein Problem. Das Brötchen einfach in die eine Hand nehmen, und mit der anderen die Messerspitze in die Mitte des Brötchens einstechen; Dann mit dem Messer rund herum schneiden.
Bildplatzhalter: Farberkennungsgerät in Aktion
Ein sprechendes Farberkennungsgerät beweist, dass es an Kleidungsstücken auch komplizierte Farbkombinationen zuverlässig erkennt und die Gesichtsfarbe gar als Blass bis Mittelgrau-Braun interpretiert.
Und auch für das Einkaufen im Supermarkt gibt es inzwischen elektronische Begleiter, die viele Produkte kennen. Diese Geräte verfügen über einen Handscanner. Beim Überfahren des Barcodes auf der Verpackung erkennt er, welches Produkt gerade vorliegt.
Die Fotos entstanden während der vier Workshops in Hannover und in Hamburg.

Junge Teilnehmerin erklärt einem älteren Teilnehmer ihr Mobiltelefon

Ein älterer Teilnehmer wagt begeistert erste Schritte ins Internet. Er wird dabei von einem jüngeren erfahrenen Teilnehmer unterstützt.

Eine junge Teilnehmerin bringt einer älteren Teilnehmerin den Gebrauch eines DAISY-Abspielgerätes nahe.

Eine Gruppe schmiert Brötchen für die Mittagspause. Dabei vermitteln die älteren Teilnehmer den Jüngeren Fertigkeiten im Brötchenschneiden.

Ein Junger Teilnehmer lässt sich von einem Älteren zeigen, wie man Banknoten erkennt.

Älterer Teilnehmer zeigt elektronische Einkaufshilfe

Gruppenfoto der Teilnehmer von 2009, aufgenommen im Mai in Hannover.

Teilnehmer sitzen zusammen und diskutieren
Unsere Lebens- und Arbeitswelt wird immer technischer. Da muss man mithalten, um nicht ins Abseits zu geraten.
Eine „digitale Lücke“ scheint sich vor allem zwischen den Generationen aufzutun, zwischen Jung und Alt.
Unsere Welt wird also immer technischer. Das ist ein Prozess, der unumkehrbar ist. Aber da sind nicht nur die Technologien, die unsere Lebenswelt verändert haben. Da ist auch der Alltag mit seinen vielen Tücken und Problemen, der gemeistert werden muss, wenn das Streben nach Selbständigkeit eine Voraussetzung für Teilhabe ist. Vor allem wenn das Sehvermögen schlechter wird oder gar verloren geht, können die kleinsten Verrichtungen zum Problem werden. Die einfachsten Handgriffe fallen schwer. Die Organisation des gesamten Tagesablaufs bereitet größte Schwierigkeiten. Fast nichts kann mehr so gemacht werden wie früher: spontan, schnell, ohne nachzudenken.
Wir müssen nicht nur Technik bedienen und mit dem Handy telefonieren können. Selbständige Lebensführung heißt auc
Lesen Sie im Folgende
"Ich benutze sowohl privat als auch beruflich regelmäßig das Internet. Eine Stelle als PR-Berater wäre für mich früher gar nicht möglich gewesen. Durch das Internet und die Möglichkeit, mich selbständig darin zu orientieren, kann ich vieles selber machen. Ich kann selbständig meine Pressemeldungen gestalten und verschicken. Vor allem sehe ich die Chancen des Internet, weil ich dienstlich und privat anderen Menschen auf einer Augenhöhe begegnen kann. Das kann ich in einem Vier-Augengespräch nicht immer. Unterhalte ich mich zum Beispiel mit einem Journalisten, dann bin ich zunächst mit Berührungsängsten des Gesprächspartners konfrontiert, die ja zwischen sehenden und blinden Menschen vielfach bestehen. Im Internet fällt die Behinderung nicht auf. Und das ist eine große Chance. (Heiko Kunert, 33 Jahre)
"Neue Technologien helfen uns aber auch, das alltägliche Leben zu organisieren: Terminverwaltung, SMS Schreiben usw. (Constantin Arlt, 33 Jahre)
"Neue Technologien wie etwa Fußgängernavigationssysteme ermöglichen mehr Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. Ich kann selbständig einkaufen, wenn ich mit Online-Shops zurechtkomme, und ich kann schneller mit anderen kommunizieren." (junger Teilnehmer)
"Wenn es die Technik zulässt, ist man unabhängiger und kann mit sehenden Menschen mithalten." (Sonja Wulff, 33 Jahre)
"Der Vorteil an neuen Technologien ist, dass sich immer mehr Standards durchsetzen. Durch die Vernetzung von Haushalten etwa, können sich gerade für uns wieder neue Chancen ergeben, mehr Haushaltsgeräte bedienen zu können. Wenn sich zum Beispiel die Spülmaschine über ein Webinterface bedienen lassen würde, könnten wir sie genau so nutzen wie sehende Mitmenschen." (Andre Rabe, 39)
"Man macht sich von neuen Techniken zu sehr abhängig." (ältere Teilnehmerin, 60 Jahre)
"Persönliche Kontakte leiden unter den neuen Technologien, weil immer mehr über Internet und Handy kommuniziert und ausgetauscht wird. Es besteht die Gefahr, dass man sich zum Beispiel weniger mit Freunden trifft." (junger Teilnehmer, 35 Jahre)
"Viele ältere Menschen entwickeln Ängste gegenüber neuen Technologien und trauen sich nicht, sie zu benutzen. Die Frage, die wir uns stellen müssen lautet: "Wie können wir ihnen die Ängste nehmen?" (Joachim Wenger, 67 Jahre)
"Ich höre von sehr vielen älteren Menschen oft, dass sie den Gebrauch neuer Techniken ablehnen. Damit sagen sie eigentlich, dass sie die Hilfe von jüngeren Menschen ablehnen, weil sie Angst davor haben, neue Techniken nicht mehr bewältigen zu können. Das ist ein Wahnsignal, das uns alle auffordert, diesen Menschen die Angst zu nehmen. Lebenslanges Lernen ist für uns Betroffene noch viel wichtiger als für andere. (ältere Teilnehmerin, 60 Jahre) "Neue Technologien verändern sich in einem rasenden Tempo, so dass wir sehenden Menschen immer ein wenig hinterherhinken". (Marco Mers, junger Teilnehmer)
"Meine Erfahrungen sind positiv. für mich als Blinder wird es immer einfacher im Internet zu surfen, weil die Standards verbessert werden. Ich bin froh, dass ich ein sprechendes Handy oder Diktiergerät nutzen kann." (junger Teilnehmer, 36 Jahre)
"Positive. Gut finde ich, dass bei einigen Geräten inzwischen bereits Sprachausgaben dabei sind, welche die Bedienung der Geräte zulässt, zum Beispiel beim iPhone. Ich hoffe, dass in Zukunft mehr Geräte standardmäßig mit Sprachausgaben ausgestattet sind. Das Würde die Anschaffung teurer blindentechnischer Hilfsmittel überflüssig machen." (junger Teilnehmer)
"Ich habe mir einfach ein sprechendes Handy und ein DAISY-Abspielgerät organisiert und beide solange ausprobiert, bis ich damit zurechtkam." (junger Teilnehmer)
"Ich erschließe mir neue Technologien durchs ausprobieren." (junger Teilnehmer)
"Es kommt ganz auf die Situation an. Mal lasse ich mich beim Kauf beraten, aber in der Regel sammle ich durchs Ausprobieren Erfahrungen." (versierte ältere Teilnehmerin, 60 Jahre)
"Viele Geräte sind vom Aufbau und von der Anordnung der Tastatur ähnlich, so dass es mir kaum Schwierigkeiten bereitet, mich in andere Geräte einzuarbeiten." (junger Teilnehmer)
"Ich bin froh, dass ich eine Frau habe, die kochen kann. Ich habe mal versucht, für meine Frau zu kochen. Nach langem Zögern signalisierte sie, es sei nicht schmackhaft gewesen. Eigentlich finde ich aber, dass ich es öfter probieren müsste. Constantin Arlt, 33 Jahre)
"Ich war auf einem Internat, und da gehört LPF zum Lernprogramm. Nach meiner Schulzeit habe ich aber nichts mehr dazugelernt. Ich habe auch das bügeln gelernt, habe es dann aber nie wieder gebraucht. (junger Teilnehmer, 30 Jahre)
"Ich lebe jetzt seit vierzehn Monaten allein, habe vorher bei meinen Eltern öfter mal kleinere Gerichte wie Nudelsalat gemacht. Mein großes Problem im Moment ist das einkaufen. Ich habe zwei Supermärkte zur Auswahl. Beim Aldi ist das Personal nicht behilflich, beim Sky schon. Alleine kann ich nichts finden, die Waren nicht unterscheiden." (junge Teilnehmerin, 33 Jahre)
"Wo es wirklich Probleme gibt ist beim Überprüfen der Kleidung auf Flecken usw. Fällt ein Stück gekochtes Ei auf die Hose, ist das ja noch zu fühlen. Bei Spritzern von Tomatensauce habe ich dagegen keine Chance, sie zu erkennen. Bei der Bewältigung des Supermarktes braucht man einfach Hilfe, vor allem dann, wenn man keine Standardprodukte kauft. Bestellungen über das Internet sind für mich als Berufstätiger eher schwierig, weil die Ware meist geliefert wird, wenn ich nicht zuhause bin." (Andre Rabe, 39)
"Ich bekomme bei meinem Supermarkt eine Einkaufshilfe, die mich durch den Laden begleitet. Auch beim Kauf von Kleidung bitte ich um Hilfe." Junger Teilnehmer, 33 Jahre)
"Ich habe mich im Internet über Online-Shops informiert, die ich bedienen kann, und bei denen zum Beispiel Kleidungsstücke ausführlich beschrieben sind. Und ich habe im Netz einen Biomarkt gefunden, der ein breites Angebot an Lebensmitteln führt. Der stellt mir alles vor die Tür." (junger Teilnehmer, 30 Jahre)
"Beim Aldi schlage ich immer wieder auf, um das Personal daran zu gewöhnen, mir zu helfen." (Sonja Wulff, 33 Jahre)
"Ich gehe als fast Blinder alleine durch den Lidl. Wenn ich neu bin, versuche ich zunächst, den Standort der Waren zu lokalisieren." (Björn Beilfuß, 30 Jahre)
"Ich trage keine Hemden, die ich bügeln muss. Besondere pflegeaufwändige Kleidung gebe ich in die Reinigung." (junger Teilnehmer, 35 Jahre)
"Alt und Jung müssen mehr aufeinander zugehen. Wenn man eine Frage hat, dann muss man sie einfach stellen. Viele Menschen trauen sich nicht zu fragen." (ältere Teilnehmerin, 63 Jahre)
"Viele Menschen protzen mit ihren Kenntnissen, sind aber zum Beispiel nicht in der Lage oder nicht bereit einem Mitmenschen zu erklären, wie man mit dem Internet umgeht. (Junger Teilnehmer, 35 Jahre)
"Ich bin durchaus der Ansicht, dass beide Generationen voneinander lernen können. Viele Fähigkeiten, die wir vor der Zeit von Internet, Handy und co besessen haben, sterben aus und sollten wieder reaktiviert werden. Aber wir müssen aufeinander zugehen." (Andre Rabe)
"Beide Generationen müssen die Initiative ergreifen und aufeinander zugehen. Wichtig ist auch, dass es keine Tabuthemen gibt. Als ich kürzlich einem älteren Herrn das Handy erklären wollte, blockte dieser ab." (junger Teilnehmer, 30 Jahre)
"Beim Wissenstransfer muss man aber auch akzeptieren, wenn das Gegenüber Hilfestellungen ablehnt. Wenn mein Vater zum Beispiel für sich entscheidet, er möchte kein Handy, dann ist es seine Entscheidung."
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Europäische Blindenunion
www.euroblind.org
Italienische Blinden- und Sehbehindertenunion (ONLUS)
inter@uiciechi.it
Italienisches Institut für berufliche Rehabilitation Blinder (IRIFOR)
Türkischer Blindenverband (TFB)
türkische Stiftung "Sechs Punkte" (Reşitpaşa)