Themenschwerpunkt „Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF)“ aus dem Verbandsmagazin „Gegenwart“

Nachfolgend finden Sie einen Ausschnitt aus dem Themenschwerpunkt „Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF)“ aus dem Verbandsmagazin „Gegenwart“ des DBSV, Ausgabe 12/2010 um einen besseren Eindruck von LPF zu erhalten.

Schritt für Schritt zurück in den Alltag

Eine Augen-OP soll Ursula Kukuks Sehvermögen verbessern, doch der Eingriff Anfang des Jahres missglückt und die 82-Jährige erblindet. Mit ihrem Augenlicht verliert die Seniorin auf einen Schlag auch ihre Sicherheit und Eigenständigkeit. Neben Angst, Wut und Trauer bleibt der Wunsch, weiter selbstständig zu leben. Ein Ziel, auf das sie mit viel Unterstützung hinarbeitet. Beim LPF-Training erobert sich die Berlinerin Schritt für Schritt ihren Alltag zurück. Die „Gegenwart“ hat sie bei der letzten Unterrichtsstunde begleitet.

Berlin-Steglitz, 70er-Jahre-Hochhaus, achter Stock: Langsam lässt Ursula Kukuk die Hand über ihren kleinen Küchentisch mit der bunten Plastiktischdecke gleiten. Immer mehr Reiskörner sammeln sich dabei vor ihren Fingern. Vorsichtig wischt sie die kleinen Häufchen Richtung Tischkante, lässt sie in eine leere Plastikschale auf ihrem Schoß fallen. „Sehr gut, immer eine gerade Bahn ziehen, von Kante zu Kante. Dann die nächste, von links nach rechts“, kommentiert Rehabilitationslehrerin Genoveva Jabbusch, die ihrer Schülerin in der winzigen Küche gegenübersitzt. Die Reiskörner hat sie gerade erst großzügig verteilt, um für die heutige Lektion in Lebenspraktischen Fähigkeiten einen verkrümelten Frühstückstisch nachzustellen.

Der vorerst letzte LPF-Unterricht der 82-Jährigen widmet sich an diesem Vormittag ganz dem Reinigen von Arbeitsflächen. Eine Dreiviertelstunde scheint dafür eine lange Zeit, doch schnell wird klar: Es braucht Zeit und Ruhe, um alles im eigenen Rhythmus auszuprobieren, neue Techniken zu verinnerlichen. Denn was sehende Menschen nur ein paar Augenblicke kostet, muss die erblindete Rentnerin genau nach System erledigen. Nach dem Beseitigen der Krümel folgt das feuchte Nachwischen. Auch hierfür teilt Kukuk den Tisch in kleine Sektoren, putzt Bahn für Bahn, während die Trainerin beobachtet, erklärt, assistiert. Anschließend stellt die 82-Jährige die Vase mit der gelben Rose, den kleinen Topf mit Brötchenmesser und Kartoffelschäler und ihren herzförmigen Glücksstein wieder zurück auf den sauberen Tisch. Der Tipp der Rehalehrerin, zuvor alles nebeneinander auf einer rutschfesten Gummimatte beiseite zu stellen, zahlt sich nun aus. Ursula Kukuk muss nicht lange tasten, findet alles mit einem Griff wieder.

Viele Anregungen wie diese sind in der Wohnung der Seniorin sichtbar. Alle wichtigen Gegenstände haben ihren festen Platz, damit Kukuk sie selbstständig finden und benutzen kann. Teller und Besteck wurden sortiert und übersichtlich platziert, die Tassen stehen direkt neben der Kaffeemaschine bereit, der DAISY-Player hat seinen Stammplatz neben dem gemütlichen Wohnzimmersessel erhalten. Doch trotz blindengerechter Haushaltstechniken und Hilfsmittel, klappt längst nicht alles allein: „An den Herd traue ich mich nicht heran. Das möchte ich aber auch nicht lernen, es ist mir einfach zu gefährlich“, sagt Ursula Kukuk. Kein Problem, findet Genoveva Jabbusch, die beim Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) angestellt ist. „Es ist wichtig, dass Lehrer und Schüler zu Beginn des Trainings konkrete Ziele abstecken und Schwerpunkte legen“, so die Trainerin. Das Kartoffelschälen klappt mittlerweile gut, davon zeugen zwei geputzte Erdäpfel, die an diesem Vormittag bereits in einem kleinen Schälchen in der Spüle liegen. Das Kochen überlässt die Seniorin dann aber dem Pflegedienst, der täglich kommt, oder Tochter Andrea, die sie liebevoll unterstützt. Kleine Aufkleber zeigen den Helfern in der Wohnung oder an den Fächern im Kühlschrank, wo Medikamente, Gemüse oder Joghurt stehen sollen. Die Anstrengungen der Betroffenen und ihrer Unterstützer greifen so mit der Zeit immer besser ineinander.

Ihr wichtigstes Ziel hat Ursula Kukuk vorerst erreicht. „Ich wollte unbedingt hier in meiner eigenen Wohnung bleiben und nicht in ein Pflegeheim ziehen“, erzählt die früher sehr aktive Seniorin. Nach der plötzlichen Erblindung im Frühjahr 2010 erschien ihr dies völlig unmöglich. „Nach der Operation war ich total unter Schock. Ich habe keine Worte gefunden und auch nicht weinen können“, erinnert sie sich. Zum Glück reagierte Tochter Andrea schnell, kontaktierte noch während Krankenhausaufenthalt und Reha den ABSV und holte sich die nötige Beratung und Unterstützung. Als die Mutter endlich aus dem Krankenhaus entlassen wird, sind die Wände im Flur der Wohnung bereits mit praktischen Handläufen ausgestattet und einige Hilfsmittel besorgt. Die ersten Tage und Nächte gestalten Tochter und Mutter gemeinsam. Denn was vorher ihr vertrautes Zuhause war, ist für Ursula Kukuk ein unbekannter, dunkler Irrgarten voller Gefahren geworden.

Kurz darauf kann das LPF-Training starten. Viele Betroffene müssen hart für die Rehabilitationsmaßnahme kämpfen, bei Ursula Kukuk läuft es nahezu ideal. „Wir haben das LPF-Training gemeinsam beantragt und die Krankenkasse hat sehr schnell 20 Stunden bewilligt“, erinnert sich Jabbusch. Seit Mai haben Trainerin und Schülerin einmal pro Woche gemeinsam in der Kukukschen Wohnung gearbeitet. Die Sicherheit in der eigenen Küche, im Wohnzimmer, im Bad oder auf dem Balkon kehrt ganz langsam zurück. „Manchmal verirre ich mich noch, wie gestern, als ich den Weg aus der Küche nicht mehr fand. Ich bin aber ruhig geblieben und habe langsam getastet, bis ich die Orientierung wieder hatte“, berichtet die 82-Jährige.

Blind Gemüse schälen, das Besteck richtig halten, Verschüttetes vom Boden aufwischen, telefonieren, Geldscheine unterscheiden  –  die Lektionen der letzten Monate hat Ursula Kukuk Schritt für Schritt verinnerlicht. Wenn etwas nicht klappt, wird nochmal nachgehakt, so wie heute beim DAISY-Player. Wo kriegt man eigentlich die restliche Akkulaufzeit heraus und ist das hier die Taste für die Lautstärke? Die Fragen sind schnell geklärt, die richtigen Knöpfe ertastet und der Abend gerettet. Denn das Hilfsmittel, dem die Seniorin am Anfang skeptisch gegenüberstand, ist zum lieben Begleiter geworden. „Ich bin seit Kurzem bei der Berliner Hörbücherei angemeldet und höre die Bücher fast schneller durch, als man sie mir nachliefern kann“, erzählt die Seniorin begeistert.

Ursula Kukuk sieht sich selbst als Stehaufmännchen. Trotz aller Schwierigkeiten hat sie wieder Mut gefasst, das wird bei der letzten LPF-Stunde ganz deutlich. Zum Abschied verrät sie der Trainerin, dass sie sich bereits neue Ziele gesteckt hat: Nach ihren vier Wänden will sie sich in ganz kleinen Schritten auch die Welt vor der eigenen Haustür wieder zurückerobern.

Inka Senkbeil
Redaktion „Gegenwart“ 

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