Berufliche Situation taubblinder Menschen

Erfahrungsberichte von Teilnehmern des Politikseminars

Berichte aus 2020

Herr E. aus Essen - gehörlos

Herr E. aus Essen ist gehörlos. Er machte eine Ausbildung zum technischen Zeichner. Er hatte einen passenden Arbeitsplatz am Computer. Sein Sehvermögen wurde immer weniger. Er gab seinen Beruf als technischer Zeichner auf, weil die Arbeit am Computer mit "AutoCAD" für seine Augen sehr anstrengend wurde. Er hatte damals keine Informationen über Hilfsmittel. Er war 15 Monate arbeitssuchend.

Er sieht jetzt noch 10 %. Nun arbeitet er seit 15 Jahren in der Verwaltung einer Krankenkasse.

Als Hilfsmittel hat wurden ihm von seinem Arbeitsgeber zur Verfügung gestellt:

  • Die Wand hinter seinem Computer ist dunkel gestrichen.
  • ein besonders großer Bildschirm
  • Bildschirmlesegerät
  • Lampe

Er hat keine Arbeitsassistenz. Die fahrt zur Arbeit mit dem Taxi wird von der Arbeitsagentur bezahlt.

Ein Problem ist: Sein Kollege im Büro will nicht, dass das Rollo geschlossen wird, wenn die Sonne scheint und er geblendet wird.

Herr E. möchhte weiter arbeiten. Sein Sehvermögen kann sich noch weiter verschlechtern; dann muss er seine Arbeit wahrscheinlich aufgeben. Er hofft, dass er dann als persönliches Budget genug asssistenz bekommt.

Herr B. aus NRW- gehörlos

Herr B. aus NRW ist gehörlos. Er war nach der Ausbildung zum technischen Zeichner in Nürnberg ein Jahr lang arbeitssuchend. Er arbeitete dann 13 Jahre lang und war danach wieder Arbeitssuchend.

Sein Sehvermögen wurde schlechter. Ein Integrationsfachdienst vermittelte ihm eine Reha-Maßnahme für sechs Monate im Deutschen Taubblindenwerk in Hannover. Dort hatte er Mobilitätstraining, lernte Braileschrift und Lormen.

Er wurde längere Zeit von der Arbeitsagentur unterstützt und arbeitete dann drei Jahre lang in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Dort gab es immer wieder Streit und Beschwerden, weil die Werkstatt auf taubblinde Menschen gar nicht eingestellt war.

Nach drei Jahren rechnete er seine Mögliichkeiten durch und entschied sich für eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Diese bekommt er seit 11 jahren.

Herr B. bereitet sich darauf vor, ganz blind zu werden. Er hat öfter Langeweile. Er macht aber auch viel Sport. Er läuft Marathon. Er ist in der Taubblindenarbeit aktiv.

Frau B. aus Unterfranken - gehörlos (Usher Syndrom Typ I)

Frau B. aus Unterfranken ist gehörlos (Usher Syndrom Typ I). Sie machte im Berufsbildungswerk München eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin. Sie war dann lange arbeitslos. Sie erhielt eine Stelle mit einem für 6 Monate befristeten Vertrag bei einem Autozulieferer im Büro mit Arbeit am Computer (CAD Zeichnerin). Sie engagierte sich sehr. Aber nach sechs Monaten wurde die Stelle nicht verlängert. *Ein junger Pfarrer vermittelte ihr die Arbeit als pädagogische Assistentin in einer Kirchengemeinde.

Frau B. heiratete und bekam ein Kind. Jetzt ist sie Hausfrau.

Sie leitete viele Jahr eine Selbsthilfegruppe taubblinder Menschen und würde gern als Deaf-Mentorin   - seit Juni 2019 hat sie ein Zerfikat - in der EUTB arbeiten.

(EUTB = ergänzende unabhängige Teilhabeberatung)

Frau X aus München - gehörlos und hat 10-15 Grad Gesichtsfeld

Frau X aus München ist gehörlos und hat 10-15 Grad Gesichtsfeld.

Sie arbeitet seit 10 Jahren als Erzieherin mit gehörlosen Jugendlichen im Internat. Sie arbeitet Vollzeit als Gruppenleiterin und fühlt sich gut verstanden. Frau X. ist außerdem Dozentin für deutsche Gebärdensprache und Deaf-Mentorin.

Mit dem Zentrum Bayern Familie und Soziales ist sie nicht zufrieden. Ihre Anfragen nach einer Einstufung für Hochgradig Sehbehindert werden immer wieder abgelehnt. Dadurch erhält sie keine Unterstützung durch das Integrationsamt und "Integration taabblinder Menschen" (ITM) für den Ausgleich der Sehbehinderung im Arbeitsleben. Sie nutzt zurzeit keine besonderen Hilfsmittel und Assistenz.

Sie wohnt allein, ihre Familie ist weit weg, noch kann sie selbstständig zur Arbeit kommen.

Herr A. aus Stuttgart - hörsehbehindert (Usher Typ1)

Herr A. aus Stuttgart ist hörsehbehindert (Usher Typ1). Er arbeitete ab 2002 als Aushilfe im Döner-Imbiss seines Vaters in Trossingen. Als der Vater im Jahr 2009 in Rente ging, wurde Herr A. arbeitsuchend.

Er wurde von SALO in Stuttgart beraten und machte 18 Monate lang eine Maßnahme mit Praktika. Er bekam dadurch aber keine Stelle. Ihm wurde Teilzeitarbeit oder Schichtbetrieb vorgeschlagen; das ist aber für ihn nicht möglich. Er war von 2012 bis 2013 arbeitslos. Dann machte er noch einmal eine Maßnahme von 18 Monaten mit Praktika bei SALO. Es folgte wieder Arbeitssuche, leider erfolglos. Durch die Vermittlung durch SALO bekam er das Angebot, bei der Paulinepflege Winnenden für 2 Jahre im BBB (Berufsbildener Bereich) zu trainieren. Nach 2 Jahren BBB wollte er nicht dort bleiben. Er bekam den Tipp, als Hilfskoch in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfBM) zu arbeiten.

Er arbeitet nun in Teilzeit als Hilfskoch in einer WfBM. Er ist damit nur teilweise zufrieden.

Als Hilfkoch ist er zufrieden, aber ist er nicht komplett zufrieden.

Herr A. wünscht sich, in einer Inklusionsfirma oder in der EUTB für taubblinde Menschen zu arbeiten, weil er mehr verdienen möchte. Außerdem vermisst er, die richtige Ausbildung speziell für Taubblinde oder Sehbehinderte in Deutschland.

Er bereitet sich darauf vor, voll-taubblind zu werden. Für seinen Alltag bekommt er Dolmetschung und Assistenz.

Frau H. aus Hannover - gehörlos und hochgradig sehbehhindert

Frau H. aus Hannover ist gehörlos und hochgradig sehbehhindert. Sie hat in der DDR in Halle eine Ausbildung zur Schneiderin gemacht. Sie arbeitete in Thüringen als Änderungsschneiderin. Sie arbeitete dann in einer Zigarrenfabrik. Nach der Wende wurde die Arbeit komplizierter und sie musste weiter fahren. Ihr Sehvermögen wurde schlechter. Aber sie arbeitete weiter bis 2009. Mehrere Laseroperationen an den Augen hielten die Augenkrankheit nicht auf. Sie hatte großen Stress und ihr Blutdruck stieg. Dann fiel ihre Mitfahrgelegenheit zur Arbeit weg.

2009 war sie ein Jahr krank. Reha-Maßnahmen wurden abgelehnt. Sie bekam Erwerbsunfähigkeitsrente und ist inzwischen in Altersrente.

L. aus Hannover - vol-taubblind

L. ist 20 Jahre alt und voll-taubblind. Er geht in Hannover zur Schule. Er hat dort Brailleschrift gelernt und nutzt auch den Computer und das Smartphone mit Braillezeile.

Er ist sehr zufrieden und möchte weiter in Hannover zur Schule gehen.

Herr G. aus Stuttgart - taubblind

Herr G. aus Stuttgart ist taubblind. Er hat eine Ausbildung zum Bürokaufmann gemacht. jetzt arbeitet er in der EUTB.

Unterstützung und Reha-Maßnahmen müssen immer individuell zusammen gesucht werden. Es gibt keine geregelte Reha für taubblinde Menschen.

 

Von 26 Teilnehmenden des Politikseminars sind 17 unter 65 Jahre alt.

4 arbeiten noch, davon 3 in Vollzeit.

3 Personen, die nicht arbeiten, würden gern wieder arbeiten.

Herr M aus München

Als ich zwei Monate alt war, hatte ich eine Hirnhautentzündung. Vielleicht kommt meine Behinderung daher. Ich machte die Mittlere Reife auf der Gehörlosenschule in Friedberg. Als ich neun war, fing die Retinitis Pigmentosa (RP) an. Mit 21 war ich blind. Ich wollte Physiklaborant oder Zahntechniker werden. Aber meine mutter sagte: Das geht nicht. Ich wollte Abitur machen und Physik und Mathematik studieren. Aber der Taubblindenlehrer sagte: Das geht nicht. Du wirst besser Masseur. Er machte einen Test, ob meine Hände stark genug sind. Nach der Schulentlassung musste ich noch ein Jahr in der Schule bleiben, weil die Masseurausbildung erst mit 18 möglich ist.

In diesem Jahr habe ich mit 10 Fingern Maschinenschreiben gelernt. Dann ging ich zwei Jahre zur Massageschule in Bad Endbach. Ein Privatlehrer schrieb für mich extra an der Tafel. Der praktische Unterricht war mit den anderen zusammen. Der Lehrer führte meine Hände, damit ich lerne, wie das Massieren geht.

nach der Prüfung machte ich ein Jahr Praktikum in einer Klinik in Wiesbaden. Ich war viereinhalb Jahre in einer Privatpraxis, dann 25 Jahre in Frankfurt im St. Marien-Krankenhaus. In dieser Zeit hatte ich einen Zivildienstleistenden und drei Assistentinnen. Sie begleiteten mich in die Massagekabinen, lasen mir die Rezepte vor und dolmetschten. In Hessen bekam die Klinik 2000 € im Monat und hat damit die Assistenz für Mich organisiert. Ich ging auch in Krankenzimmer, um Leute dort zu behandeln. Ich fühlte mich wohl an meinem arbeitsplatz und verstand mich gut mit den Kollegen. In der Kantine und im Aufenthaltsraum haben wir uns immer gut unterhalten.

Ende der 80er war ich für vier Wochen in Damp an der Ostsee zu einer Fortbildung manueller Lymftrainage. Zwei Zivildienstleistende halfen mir dort als Assistenten.

Vor vier Jahren bin ich zu meiner Frau nach München gezogen. dort arbeite ich in einer Privatpraxis und habe Assistez zum Vorlesen. Unser wunderbarer Nachbar ist Rentner und begleitet mich täglich zur Arbeit. Meine Frau Ingrid kommt nachmittags als Assistentin in die Praxis und geht mit mir nach Hause. In München zahlt das Integrationsamt 600 € im Monat für die Assistenz.

Meine Assistentin liest mir das Rezept vor. Nach der Fango- oder Heißluftbehandlung gehe ich zu den Patienten und frage, wo sie Schmerzen haben. Meine Assistentin lormt und zeigt mir, wo es ihnen wehtut. Während der Behandlung frage ich, ob es den Patienten gut geht. Sie nicken oder schütteln den Kopf. Die meisten sind super zufrieden mit mir. Ich hatte auch zwei gehörlose Patienten. Mit denen konnte ich mich gut verständigen.

Mein Chef ist super nett. Ich kann dort alles machen und fühle mich frei.

Herr Z aus NRW

Ich bin von geburt an gehörlos und machte eine Ausbildung zum Bauzeichner beim Straßenbauamt. Die anderen Auszubildenden konnten hören, aber ich habe ihnen Gebärdensprache beigebracht. Ich habe dann einen einwöchigen Kurs für Gebärdensprachlehrer besucht. Dort habe ich zum ersten Mal von Gehörlosenkultur erfahren. 1994 machte ich die Fachoberschule. 1996 war ich pädagogischer Mitarbeiter im Institut für Gehörlosenkultur und machte dort Jugendarbeit, organisierte Kickerturniere und ein Kommunikationscafé. Ich war freier Mitarbeiter im Landesinstitut für Gebärdensprache Nordrhein-Westfalen (LINGS) in Essen. 1997-2006 war ich an der Technischen Hochschule Aachen (RWTH) als nicht wissenschaftlicher Mitarbeiter in verschiedenen Projekten. In dieser Zeit machte ich auch eine Ausbildung zum Gebärdensprachdozent und arbeite seit dem auch freiberuflich als solcher. Ich bekam Zuschüsse für die Existenzgründung vom Integrationsamt. Seit 2009 arbeite ich an der RWTH in einem Projekt der Informatik: Signspeek; es geht da um Gebärdenspracherkennung am Computer. Ich tippe die Tagesschau in Phoenix mit Gebärdensprache ab. Diese wird dann auch mit dem Computer ausgewertet.

Für den Landschaftsverband Rheinland mache ich Kommunikationstrainings in Firmen mit gehörlosen Mitarbeitern und gebe auch verschiedene Gebärdensprachkurse.

Ich arbeite viel eigenständig, brauche aber auch Assistenz. Dafür bekomme ich vom Integrationsamt 850 € im Monat. Mit Kollegen, die nicht gebärden können, verständige ich mich meist schriftlich z. B. per Mail.

Herr B und Herr l aus NRW

Herr B und Herr l aus NRW haben 2005 eine Schulung als Computerlehrer für Taubblinde gemacht. Sie können anderen Taubblinden zeigen, wie man viele Dinge mit dem Computer machen kann.

Zu einer Schulung kann gehören:

  • Umgang mit Windows
  • Benutzung eines Screenreaders, einer Vergrößerungssoftware und einer Braillezeiele
  • E-Mails lesen, schreiben und verwalten
  • im Internet Informationen suchen und lesen
  • Texte auf papier einscannen und auf der Braillezeile lesen
  • Texte erstellen mit Word
  • Faxe senden und empfangen