Mit Büchern die Welt entdecken: "Jella Schnipp Schnapp"

Folgende Tipps wurden entwickelt innerhalb eines Seminars für Eltern und Kinder, das am 13.-15.7.2012 in Würzburg im Rahmen des EVEIL-Projektes stattfand.

In Zusammenarbeit mit dem Blindeninstitut Würzburg und dem DBSV.

Von Marina von Thüngen und Reiner Delgado

 

Elemente aus dem Buch "Jella Schnipp Schnapp"

Inhalt des Buches:

Wenn Jella still ist, hat sie etwas besonderes vor und zwar mit der Schere.

Jeden Tag fragt Mama oder Papa: "Jella, was machst du?"

Montags schneidet sie Streifen in die Gardinen (Schnipp Schnapp),

dienstags Bilder aus den Büchern,

mittwochs die Fransen vom Teppich,

donnerstags macht sie dem Hund eine neue Frisur,

freitags macht sie "Blumenpflege"

und samstags muss sie ihr Kuscheltier verbinden - warum wohl? Papa und Mama schreien immer: "Hör auf!"

Am Sonntag macht Jella nichts Besonderes, nur Krach und zwar mit einer Trommel auf dem Bett der Eltern hüpfend, die darin schlafen wollen.

1. Wochentage

Im Vorschulalter können Kinder schon ein Verständnis des Ablaufs der Wochentage entwickeln. Dies können Sie mit Jella Schnipp Schnapp fördern.

  • Wochentage aufsagen (ggf. auch rückwärts)
  • Welcher Wochentag kommt vor Mittwoch? Oder... Nach Donnerstag?
  • Was macht Jella am ...? Montag ist der Gardinentag.
  • Vergleich zu anderen Büchern herstellen, z.B. In der "Raupe Nimmersatt" ist Montag Apfeltag.

2. Jella – Körperschema

  • Basteln Sie selbst mit Ihrem Kind für Ihr Buch ein Jella-Püppchen aus Pfeifendraht: verdrillen und Kopf aus zwei Klettkreisen ankleben; evtl. Kleidchen/Gesicht/Haare ergänzen.
  • Sie können auch ein anderes kleines Püppchen als Jella verwenden.
  • Körperteile besprechen: Kinder mit Seheinschränkung entwickeln erst allmählich ein "Körperschema". Besprechen Sie mit Ihrem Kind, wo sich am Körper was befindet. Ihr Kind kann die Körperteile an sich selbst oder an Ihnen, anderen Personen oder Puppen suchen und zeigen. Auch beim Herstellen der Jella-Puppe kann sich Ihr Kind bewusst werden, wo was ist.
  • "Die Strichmännchen machen Gymnastik": Erkunden Sie mit Ihrem Kind die Bilder von Strichmännchen. Ihr Kind kann versuchen, die Körperhaltungen nachzumachen oder auch nachzuzeichnen auf Folie mit Wachsmalkreide oder auf Zeichenfolie oder Fliegengitterunterlage. Weitere Infos zum Download
  • Körperhaltungen unterscheiden: Besprechen Sie mit Ihrem Kind, was welche Körperhaltung bedeutet. Machen Sie die Körperhaltung vor und lassen Sie sich abtasten. Machen Sie ein Ratespiel: Kannst Du hören, ob ich sitze oder stehe, ob ich nach oben schaue oder den Kopf hängen lasse, ob ich Dir zugewandt oder abgewandt bin?

3. Schere

  • Befestigen Sie eine Schere mit Schnur am Ordner; so kann sie mit durch das gesamte Buch wandern; mit solchen beweglichen Teilen können Sie viele Bücher lebendig werden lassen.
  • Lassen Sie Ihr Kind die Begriffe für Teile der Schere wiederholen: Griff, Schneiden ...
  • Zeigen Sie Ihrem Kind verschiedene Scheren: Größe, Form, Funktionsweise, Zweck, Material …; lassen Sie Ihr Kind alle Scheren untersuchen, beschreiben und vergleichen; probieren Sie die Scheren, was lässt sich womit gut oder schlecht schneiden? Trauen Sie Ihrem Kind etwas zu; seien Sie nicht zu ängstlich; lassen Sie es selbst agieren und geben Sie nicht viel vor; führen Sie ihm im Allgemeinen möglichst nicht die Hände.
  • Üben Sie Vorsichtsmaßnahmen beim Umgang mit Scheren ein, z. B. eine Schere gibt man einem anderen immer mit dem Griff voran.

Montag

4. Gardine

  • Machen Sie zusammen mit Ihrem Kind ein unzerschnittenes Gardinenteil im Buch fest: mit Hefter, ankleben oder auf einer Schiene bzw. umgenäht auf einem Stab.
  • Lassen Sie Ihr Kind ein Gardinenteil in Streifen schneiden; ziehen Sie es evtl. straff, um das Schneiden zu erleichtern; befestigen Sie die Streifen im Buch.
  • Erkunden Sie mit Ihrem Kind Vorhänge und Gardinen, wie sie aufgehängt sind, wie sie auf- und zugezogen werden, wie der Stoff beschaffen ist; lassen Sie es auf eine Leiter  klettern, damit es die Größe des Fensters und die Aufhängung der Gardinen erkunden kann.
  • Besprechen Sie mit Ihren Kind, welche Funktionen Gardinen haben: Schmuck, Sichtschutz, Schalldämpfung
  • Am Beispiel von Gardinen können Sie Ihren Kind zeigen, wie man sich hinter Dingen verstecken kann: Sagen Sie ihm, ob Sie es sehen können hinter einer dünnen Gardine, Vorhang, Tür, Sofalehne, Wand, unter einer Decke ...; Was ist durchsichtig, was undurchsichtig?
  • Vergleichen Sie das Sehen mit dem Hören oder Ertasten: Durch einen Vorhang kann man nicht sehen, aber hören und tasten; durch eine Glastür kann man sehen, aber nicht tasten und kaum hören.
  • So erfährt Ihr Kind etwas davon, wie Sehen funktioniert.

5. Streifen

  • Erklären Sie Ihrem Kind, was Streifen sind anhand von Stoff mit tastbaren Streifen, Klebebandstreifen auf Papier
  • Malen Sie ihm mit dem Finger Streifen auf die Hand oder Rücken.
  • Zebrastreifen auf der Straße lassen sich mit Stock oder Schuhsohleein wenig ertasten.
  • Erwähnen Sie, was noch Streifen hat: Tiger, Zebra ...
  • Nutzen Sie tastbare Streifen oder Linien, dass Ihr Kind sie mit den Fingern nachfährt; das ist eine Vorübung für's Punktschriftlesen.

Dienstag

6. Bücher

  • Ihr Kind kann lernen, was alles ein Buch sein kann. Vergleichen Sie verschiedene Bücher mit verschiedenen Bindungen, Deckeln und Formaten, Schwarz- und Punktschrift.
  • Kleben Sie kleine selbst gemachte Bücher in das Jella-Buch ein.
  • Ihr Kind kann in Büchern umblättern üben, Seiten zählen.
  • Vergleichen Sie Bücher in Punktschrift und Schwarzschrift miteinander (Dicke, Bilder …)
  • Klären Sie weitere Begriffe: Deckel, Rücken, Titelseite, Vorder- und Rückseiten. Leserichtung von vorn nach hinten, von oben nach unten, von links nach rechts: So lesen  Sehende mit den Augen und Blinde mit den Fingern.
  • Üben Sie mit Ihrem Kind, Bücher sorgfältig ins Regal zu stellen; eine Hand tastet voran bzw. umfasst das Buch vorne.
  • Für blinde Kinder und Erwachsene gibt es hier auch Hörbücher.
  • Machen Sie Ihrem Kind Hörbücher und einen Daisy-Player zum Abspielen zugänglich.

7. Bilder

  • Sie können Ihr fertiges Jella-Buch oder das selbst gebastelte Büchlein für die Dienstag-Seite mit einem selbst gestalteten Titelbild bekleben.
  • Bei einem weiteren selbst gebastelten Büchlein kann dieses Bild dann wieder ausgeschnitten werden.
  • Wenn Sie Tastbilder haben, können Sie Ihr Kind diese ertasten lassen. Sie werden schnell merken, welche Tastbilder für Ihr Kind gut und schlecht zu erkennen sind.
  • Hier finden Sie Kriterien für gute Tastbilder.

Mittwoch

8. Teppich

  • Sie können kleine Teppichstücke und lose Fransen ins Buch einkleben oder auch einen Grundriss Ihrer Wohnung aus verschiedenen Teppichstücken als Puzzle gestalten.
  • Erkunden Sie mit Ihrem Kind verschiedene Teppicharten von oben und unten: gewebt, geknüpft, gummiert, mit und ohne Fransen.
  • Besprechen Sie andere Bodenbeläge: Holz (Parkett, Dielen), PVC, Linoleum, Kacheln, Stein … wie fühlt es sich an, wie klingt es, worauf kann ich mich anschleichen…
  • Machen Sie einen Fuß-Tast-Pfad mit verschiedenen Bodenbelägen, die Ihr Kind erraten soll.
  • Nutzen Sie evtl. unterschiedliche Bodenbeläge in Ihrer Wohnung als Orientierungshilfe, z.B. Der Tisch steht auf einem bestimmten Teppich. So wird das Kind vor Zusammenstößen gewarnt. Oder auch der besondere Belag vor Treppen.

TIPP:

Teppichreste bzw. -muster werden oft verschenkt von Teppich-Geschäften.

Teppich als Schalldämpf-Unterlage für Punktschriftmaschinen (bei Maschine doppelt nehmen, so dass es auch gut zum Schieben ist)

 

Donnerstag

9. Blumen

  • Ergänzen Sie das Buch mit künstlichen Blumen - vielleicht auch so, dass man sie abzupfen und "umtopfen" kann.
  • Erkunden Sie mit Ihrem Kind die verschiedensten Pflanzen und Blumen; klären Sie die Bestandteile: Wurzeln, Stängel, Blätter, Blüten, Früchte.
  • Lernen Sie unterschiedliche Arten kennen: Topfblumen, Schnittblumen, Kräuter, Nutzpflanzen ...
  • Für blinde Menschen sind besonders duftende Pflanzen auch spannend: Minze, Lavendel, Rosmarin, Basilikum
  • Was sind essbare und nicht essbare Pflanzen?
  • Was benötigt eine Pflanze zum Wachsen? (Licht, Wasser, Erde/Nährstoffe, CO2 / Teile aus der Luft)
  • Klären Sie den Begriff Blumenpflege und wann es Sinn macht, Blätter/Blumen abzuschneiden: für Tee oder bei Krankheit; vertrocknete Blätter oder abgeblühte Blüten; als Strauß, damit sich die Pflanze verzweigt (Minze); wann gehen Blätter von allein ab (zu trocken, alt …) u.s.w

Freitag

10. Hund

  • Sie können Fell ins Buch einkleben und auch ein paar abgeschnittene Haare.
  • Lassen Sie Ihr Kind echte Hunde - vielleicht aus der Nachbarschaft betasten.
  • Zeigen Sie ihm verschiedene Hunderassen aus Plastik oder als Kuscheltier.
  • Klären Sie Körperteile und typische Merkmale eines Hundes, Unterscheidung Hund – andere Tiere.
  • Lassen Sie Ihr Kind evtl. eine blinde Person mit Blindenführhund kennen lernen.

Samstag

11. Kuscheltier

  • Befestigen Sie ein Stück Mullbinde im Buch. Ihr Kind kann nun ein Minikuscheltier darin einknoten. So kann es Knoten und vielleicht auch Schleife Binden üben.
  • Am Kuscheltier können Sie auch wieder das Körperschema besprechen.
  • Besprechen und erkunden sie evtl. die Machart von Kuscheltieren: Stoff, Füllung, Augen...

12. Binde/Verbandsmaterial

  • Holen Sie mit Ihrem Kind eine Binde aus dem Erste-Hilfe-Kasten. Schauen Sie, was es dort sonst noch gibt.
  • Üben Sie, die Verpackung aufzumachen.
  • Üben Sie das Ab- und Aufwickeln und umwickeln/verbinden Sie verschiedene Dinge: Körperteile, Kuscheltiere, Puppen ...
  • Zeigen Sie auch Möglichkeiten, einen Verband festzumachen: mit Pflaster oder Klammern.
  • Lassen Sie Ihr Kind auch Mull zerschneiden.

Sonntag

13. Krach

Ja ... also zum Krach machen werden Sie wohl zuhause genug Sachen finden.

14. Taktile Beschriftungen

Sie können das Buch auch mit den Texten in Brailleschrift ergänzen.

Dazu gibt es viele verschiedene Möglichkeiten.

  1. Wortversion: Kleben Sie nur einzelne Wörter von Gegenständen oder Personen in das Buch ein. Sie können diese auch auf Kärtchen schreiben, die von Ihrem Kind mit Klettband an die richtigen Gegenstände geheftet werden können.
  2. Wörter für die Minibüchlein zu 5. und ggf. Bilder aus Punktschriftzeichen
  3. Sie können den kompletten Text auf die eingehefteten Buchseiten direkt schreiben, auf "Overhead"-Folien, die Sie ins Buch einheften, auf transparente Klebefolien oder natürlich auch auf Papier.
  4. Die Seitenzahlen können Sie auf die Originalseiten direkt schreiben oder auf transparente Klebefolie. Oder kleben eine entsprechende Zahl an Klebepunkten statt Braillezahlen auf die Seiten.
  5. Ihr Kind kann vielleicht selbst schon üben, seinen Namen zu schreiben. Diesen können Sie dann auch in das Buch einkleben: "Dieses Buch gehört: ..."
  6. Der Brailletext sollte mit doppeltem Zeilenabstand sein, für manche Kinder vielleicht auch mit doppeltem Wortabstand.

Folgende Braillesysteme sind denkbar:

  • Basisschrift mit Ausschreibung aller Buchstaben
  • Vollschrift mit den Abkürzungen ch, ei, au ...
  • ggf. 8-Punkt-Braille, wenn Ihr Kind dies voraussichtlich in der Schule zuerst lernen wird.
  • In der regulären 6-Punkt-Brailleschrift ist es für Vorschüler einfacher, die Kennzeichnung von Großbuchstaben wegzulassen.

15. Bildbeschreibungen

Beim Vorlesen sollten Sie Ihrem Kind auch die Originalbilder eines Buches beschreiben.

Dabei können folgende Stichworte helfen:

  • Was ist auf dem Bild?
  • Wo ist was?
  • Was macht wer?
  • Woran erkennt man das?
  • Wie sehen die Personen und Dinge aus?
  • Was ist wichtig, um das Bild und die Handlung des Buches zu verstehen?
  • Erst eine allgemeine Beschreibung, dann Details.

Darauf achten:

  • Kennt mein Kind die Begriffe, die ich zum Beschreiben verwende?
  • Gibt es spannende oder lustige Randdetails, die auch beschrieben werden sollten?
  • Die Beschreibungen dürfen natürlich nicht zu lang werden.
  • Den vorgelesenen Text mit den Bildbeschreibungen können Sie auch aufnehmen und haben dann ein HÖRBUCH für Ihr Kind.
  • Jella Schnipp Schnapp zum hören mit Bildbeschreibungen

16. Taktile Zeichnungen und Bilder

Generell können Sie normale Kinderbücher mit tastbaren Bildern ergänzen.

Für tastbare Zeichnungen gibt es verschiedene Möglichkeiten, z. B.:

  • dünnes Papier auf Fliegengitterunterlage mit Wachsmalkreiden bemalen
  • spezielle Zeichenfolie auf Silikonunterlage oder anderer Zeichenunterlage mit Punktschriftgriffel oder (leerer) Kugelschreibermine
  • Fingerfarbe mit Duftöl – z.B. für ein Buch mit Obst
  • verschiedene 3D-Farben / Glitterglue …
  • Wachsfäden
  • Prägeset von Ravensburger
  • Motivstanzer und –präger
  • Modelle, Formen und Relieffs aus allen Materialien