"Sichtweisen"-Podcast

Hier finden Sie den Podcast des DBSV-Verbandsmagazins "Sichtweisen“, der aus zwei Reihen besteht:

  • Für „Leseprobe“ wählen wir aus jeder Ausgabe einen Beitrag aus und stellen ihn hier zur Verfügung - zum Reinhören und Reinlesen!
  • In der Hör-Reihe „Präsidiumsgespräch“ beleuchten DBSV-Präsidiumsmitglieder mit Gästen aktuelle Themen, die den Verband beschäftigen.

Präsidiumsgespräch

 

Leseprobe

Logo: Ein stilisiertes purpurfarbenes Auge, dessen linke Hälfte klar konturiert ist, während die rechte mit unterschiedlich großen Rasterpunkten unscharf dargestellt ist. Der Hintergrund ist weiß.

„Rücksichtsvoll komponieren“

Ann-Christin Ahrens und Sebastian Jautschus gehören zur Agentur „why do birds“, die mit der Entwicklung eines DBSV-Markenklangs beauftragt wurde. Beide waren maßgeblich daran beteiligt. Wie sie vorgegangen sind, was hinter der Idee des Klangs steckt und wo er eingesetzt werden kann, erzählen sie im Interview.

Interview: Christoph Ledder

Frau Ahrens, Herr Jautschus, was ist ein Markenklang und warum benötigen Unternehmen und gemeinnützige Organisationen heutzutage einen Markenklang?

Jautschus: Der Markenklang zeigt viele Parallelen zur visuellen Ausgestaltung einer Marke, zum Beispiel zu einem Logo oder einer bestimmten Schriftart. Zudem unterstreicht der Markenklang die Wirkung einer Marke auf auditive Weise. Im Gegensatz zum Visuellen haben Klänge eine deutlich emotionalere Wirkung auf Menschen. Wir können zwar die Augen zumachen, die Ohren allerdings nicht. Vor Klängen können wir uns deshalb nicht verschließen und niemand ist davor gefeit, von Musik berührt zu werden. Sie ist in unserer DNA tief verankert. Die Geschichte der Evolution zeigt, dass Menschen über Musik ihren Zusammenhalt stärken, es ist ein tief in uns verankertes Medium. Dadurch hat ein Markenklang viel mit Emotionen zu tun und schafft einen größeren Facettenreichtum in der Emotionalität einer Marke gegenüber.

Im Vorfeld des Markenklangs haben Sie eine klangliche Analyse des DBSV vorgenommen. Was kam dabei heraus?

Ahrens: Wir haben im Vorfeld unter anderem analysiert, was der Verband bis dato im akustischen Bereich gemacht hat. Dann schauten wir auch auf die Mitbewerber und untersuchten, mit welchen Sounds sie arbeiten. Außerdem haben wir einen Workshop mit den Projektbeteiligten durchgeführt sowie einen User Research. Wir wollten nicht irgendetwas entwickeln, was gut klingt und zur Marke passt. Unser Anspruch war es vielmehr, einen Klang für Menschen zu entwickeln, die damit in Berührung kommen und deren Lebenswelt dieser Klang entspricht. In Bezug auf die Zusammenarbeit mit dem DBSV war es für uns wichtig, in die Welt einzutauchen, mit der wir als sehende Menschen wenig Berührung haben. Wir wollten verstehen, was Klänge bei denjenigen auslösen, die nichts oder kaum etwas sehen. Unser Ansatz bestand darin zu erfahren, wo Sound hilft, und wo er möglicherweise stört. Dafür haben wir zahlreiche Interviews geführt und blinde Menschen in ihrem Alltag begleitet – zum Beispiel beim Einkaufen und im Stadtverkehr. Wir wollten sie besser verstehen und auf der Grundlage unserer Eindrücke den richtigen Klang entwickeln.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Begleitung der blinden und sehbehinderten Menschen gemacht?

Ahrens: Ich führe seit rund 15 Jahren solche User-Researches durch. Doch ich war persönlich noch nie so tief berührt von dem „Shadowing“. So bezeichnen wir die Begleitung von Menschen und bestimmten Personengruppen, um deren Alltag besser zu verstehen. Es war eine wahnsinnig beeindruckende Erfahrung. Um ehrlich zu sein, schwanken wir zwischen totaler Bewunderung und Demut. Wir machen uns keinen Begriff davon, was es für ein Glück ist, sehen zu können, und was für eine große Herausforderung es ist, wenn man nicht oder kaum sehen kann, sich in dieser Welt zu bewegen. Mich haben das Selbstverständnis und die Kompetenz an Orientierung nachhaltig beeindruckt, mit der sich blinde und sehbehinderte Menschen im Alltag bewegen.

Jautschus: Für das Projekt haben wir mit Menschen zusammengearbeitet, die in den Themen Klänge und Musik bereits tief verankert sind und sich gut auskennen. Gleichzeitig hatten sie Demut vor der Klangintensität der Welt. Für unseren Job war diese Erkenntnis hilfreich, da wir schnell gemerkt haben, dass unsere Arbeit einen bedeutenden Effekt auf blinde und sehbehinderte Menschen ausübt – nämlich Orientierung in einer klangintensiven und soundverschmutzten Welt.

Beschreiben Sie uns Ihre praktische Vorgehensweise. Sie sind zu der Erkenntnis gelangt, dass die Elemente „Gemeinschaftsgefühl“, „Hören ist Orientierung“ und „Jeder Klang zählt“ in den Markenklang einfließen müssen. Wie entstand der Klang? Auf Instrumenten oder wurde am Computer mit Musik experimentiert?

Jautschus: Die Elemente sind unsere Kern-Erkenntnisse, die wir aus unserem User Research gezogen haben. Dann haben wir uns überlegt, wie wir dies in Klang übersetzen. Wir haben erkannt, dass beim DBSV die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen, und in diesem Verbund entsteht etwas Schönes – ein Gemeinschaftsgefühl. Dann kam schnell die Idee, einen Chor zu generieren, der aus verschiedenen Stimmen von Frauen und Männern besteht und die Vielfalt des DBSV repräsentiert. Dafür haben wir verschiedene Stimmen aufgenommen. Bei „Hören ist Orientierung“ wollten wir in der Musik etwas schaffen, das diesen Zusammenhalt symbolisiert. Unsere Idee war es, dass die Musik widerspiegelt, wie wichtig der Klang für blinde und sehbehinderte Menschen ist. Und so haben wir sogenannte Pattern entwickelt, die sich durch die ganze Musik ziehen und an denen man sich orientieren kann. Sie sind die akustischen Leitplanken. (Anm. d. Red.: Pattern sind kurze und rhythmische Figuren, die konstant bleiben und beliebig oft wiederholt werden.)

Bei der Entwicklung des Markenklangs war es uns wichtig, rücksichtsvoll zu komponieren. Als es darum ging, welche Instrumente wir verwenden, sind wir schnell auf das Klavier gekommen. Einerseits kennt jeder das Instrument. Andererseits gibt es viele Menschen, die mit einem Klavier aufgewachsen sind und es demnach immer um sich hatten – zum Beispiel im Elternhaus oder bei den Großeltern. Außerdem hat es einen willkommen heißenden Klang. So sind wir zu den Grundakkordklängen mit dem Klavier in der Markenmelodie gekommen, da diese auch Sicherheit kommunizieren.

Ein Markenklang – das Audio- Branding eines Unternehmens oder einer Organisation – wird meistens in verschiedenen Varianten eingesetzt. Können Sie Beispiele nennen, wo sie zum Einsatz kommen können?

Ahrens: Im ersten Schritt haben wir für den DBSV ein Soundlogo kreiert. Gleichzeitig ist es auch das Prägnanteste, was man für eine Marke machen kann. Ein solches Soundlogo kann beispielsweise am Ende oder am Anfang einer Telefonwarteschleife zum Einsatz kommen. Überall dort, wo die Marke auditiv präsentiert wird, kann das Logo erklingen. Im zweiten Schritt haben wir eine einheitliche Musik für die Telefonschleife komponiert, die auf dem Markenklang basiert und eine auditive Klammer bildet. Auf Basis des Markenklangs können wir auch Musikstücke für Veranstaltungen komponieren, sogenannte „Going-on- Stage“-Stücke. Wichtig ist, dass die DNA zwischen dem Markenklang und dessen Adaptionen nicht verändert wird. Die gemeinsame Welt muss erkennbar sein.

Als Agentur kennen Sie die Entwicklung von Audio-Logos. Zeichnet sich ein Trend zu Markenklängen ab?

Ahrens: Der Bedarf an marken-adäquaten Funktionssounds wird immer größer. Wenn wir mit dem Auto rückwärtsfahren und zu nah an das nächste Auto kommen, ertönt im Wagen ein Piepen. Dieser Sound kann auch markenkonform sein. So kann der Klang speziell für einen Audi oder einen VW entwickelt werden. Und wir merken, dass immer mehr Marken an uns herantreten, die im Bereich Funktionssound etwas machen wollen und wo wir den Markenklang mitberücksichtigen müssen. Es ist ein ziemlich spannender Bereich, der sich dahingehend im Moment öffnet.

Varianten des neuen Markenklangs hören Sie auf DBSV-Inform, Buch 2, Sichtweisen, „Markenklang des DBSV“ (www.dbsv-inform.org)

Die Entwicklung des akustischen Erscheinungsbildes für den DBSV wurde von der KKH Kaufmännische Krankenkasse unterstützt.

Lust auf mehr?

Das Interview macht noch einmal deutlich: Der neue Markenklang ist identitätsstiftend und als unverkennbares Zeichen des DBSV ein wichtiger Bestandteil der gesamten Markenarchitektur. „Die Marke DBSV“ ist auch der Schwerpunkt der ersten Sichtweisen-Ausgabe des Jahres.

Sichtweisen auf DBSV-Inform Online

Sie können die Sichtweisen-Beiträge nun auch online aufrufen und hören: Unter www.dbsv-inform.org stehen sie ebenso zur Verfügung wie die Hörbeiträge vieler Landesvereine des DBSV.

Probeexemplar anfordern!

Haben Sie Lust bekommen, in den "Sichtweisen" zu schmökern? Dann fordern Sie - bevorzugt per E-Mail - ein Probeexemplar an:
DBSV-Zeitschriftenverlag
Petra Wolff
E-Mail: p.wolff@dbsv.org
Tel.: 0 30 / 28 53 87-220.