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Cornelia Dietz steht auf dem Rasen des Dortmunder Stadions und zeigt mit dem Finger Richtung Tribüne. Zwei Meter neben ihr steht ein Mann. Sie hat helles welliges Haar, trägt eine Winterjacke, Jeans und Turnschuhe.

„Mal ganz oben, mal ganz unten“

Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 7/2021

Cornelia Dietz hat ihr Leben dem Sport gewidmet. Sie war Mitglied der deutschen Goalball-Nationalmannschaft und nahm 1984 zum ersten Mal an den Paralympics teil. 1996 holte das Team Gold bei den Spielen in Atlanta. 2008, bei den Spielen in Peking, wurde ein anderer Traum für sie wahr. Ihren größten Wettkampf aber musste Cornelia Dietz im vergangenen Jahr bestreiten.

Von Cornelia Dietz

Seit meiner Geburt bin ich von Albinismus betroffen, und habe dadurch eine hochgradige Sehbehinderung. Als Kind habe ich mit den Jungs in unserem Dorf Fußball gespielt – so gut es eben vom Sehen her ging. Mit 18 Jahren kam ich nach meiner Ausbildung in der Nikolauspflege zum Blindensport beim Behinderten-Sportverein Stuttgart. 1982 nahmen wir mit unserer Torball-Frauenmannschaft an den ersten Deutschen Meisterschaften im Torball für Mädchen und Frauen teil. Dort wurden Spielerinnen für die Gründung einer Goalball-Nationalmannschaft gesichtet. Auch ich wurde ausgewählt und gehörte von da an zum Kader. Darüber habe ich mich sehr gefreut. So gab ich 1983 mein Debüt in der deutschen Goalball-Nationalmannschaft. Viele weitere internationale Wettkämpfe folgten: Welt- und Europameisterschaften sowie sechs Paralympics-Teilnahmen.

Lieber im Team als einzeln

Meine ersten Spiele waren 1984. Damals hießen die Paralympics noch Weltspiele für Behinderte. Nationalspielerin zu sein, hat mir immer viel bedeutet. Ich habe mein ganzes Leben dem Sport untergeordnet und diesen Schritt nie bereut. Teamsportarten gefielen mir besser als Einzelsportarten. Die gemeinsamen Fahrten und Turniere waren immer besondere Erlebnisse für mich. Während meiner Sportkarriere war ich immer voll berufstätig. Anfang der Achtzigerjahre gab es noch weniger gemeinsame Trainings der Nationalmannschaften. Vor der Europameisterschaft im Mai 1983 machten wir im Januar einen Wochenend-Lehrgang. In den folgenden Jahren finanzierte der Deutsche Behindertensportverband (DBS) zwei bis drei Wochenend-Lehrgänge pro Jahr, weitere haben wir privat finanziert. Die Teilnahme an Turnieren wurde über den DBS finanziert. Das Abschneiden war für die Finanzierung ausschlaggebend. Von 1986 an wurden wir auch erfolgsabhängig von der Deutschen Sporthilfe unterstützt. Meine schönsten Erinnerungen an die Paralympics sind einmal der Gewinn der Goldmedaille 1996 bei den Spielen in Atlanta. Das ist nun 25 Jahre her, und ich erinnere mich noch genau an unser Finalspiel, das wir 4:1 gegen Finnland gewannen.

Überraschung in Peking

Und dann wartete 2008 in Peking eine besondere Überraschung auf mich. Eines Morgens kam unser Mannschaftsleiter Karl Quade zu uns und sagte zu mir: „Conny, du darfst morgen bei der Eröffnungsfeier die Fahne ins Stadion tragen.“ Über diese fantastische Nachricht musste ich vor Freude ein paar Tränchen vergießen. Ein Traum wurde wahr! Einmal mit der Fahne ins Stadion einzulaufen – Wahnsinn! Wow, das musste ich erst mal sacken lassen. An den Einmarsch ins volle Vogelnest, so heißt das Stadion in Peking, erinnere ich mich noch genau. 90.000 Zuschauer jubelten uns zu. Da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut und dachte damals auch an das Dortmunder Westfalenstadion – offiziell Signal Iduna Park –, für das ich eine Dauerkarte habe.

Das Medieninteresse an den Paralympics hat inzwischen stark zugenommen. Nachdem wir in Atlanta die Goldmedaille gewonnen hatten, wurde ich nur zweimal interviewt. Goalball hatte unter den Para-Mannschaftssportarten nicht den höchsten Stellenwert für die Berichterstattung. Der Gradmesser dafür ist Erfolg. Somit hielt sich das Medieninteresse für uns grundsätzlich in Grenzen, denn während meiner aktiven Zeit verliefen unsere Erfolge wie auf einer Achterbahn. Mal ganz oben, mal ganz unten und zwischendrin ein Auf und Ab zwischen Platz zwei und fünf bei wichtigen Turnieren. In den Jahren zwischen den Paralympischen Spielen war das Medieninteresse gering. Allerdings steigerte es sich bei den Spielen in Peking zu einem nie dagewesenen Ausmaß. An dem Tag, als bekannt wurde, dass ich die Fahne ins Stadion tragen durfte, hatte ich ungefähr zehn Interviews – für mich eine völlig neue Situation.

Heute hat sich die Berichterstattung über den Para-Sport zum Positiven verändert. Natürlich gibt es immer noch Luft nach oben, vor allem zwischen den Spielen. Damals wie heute treibe ich viel Sport: Ich gehe schwimmen, joggen, walken, mache meine tägliche Gymnastik, Yoga und spiele in der Torballmannschaft bei Borussia Dortmund (BVB). Torball wird auch international gespielt, ist aber nicht paralympisch. Von 1989 bis 2004 spielte ich neben Goalball auch in der Torball-Nationalmannschaft.

Engagiert im Vorruhestand

Im Juli 2018 bin ich nach 41 Berufsjahren bei der Deutschen Telekom in den Vorruhestand gewechselt. Ich hatte die Auflage, innerhalb der nächsten drei Jahre 1.000 Stunden ehrenamtlich bei gemeinnützigen Organisationen zu leisten. Dieses Ausstiegsmodell hat mich sofort überzeugt, gab es mir nun die Möglichkeit, noch mal was ganz anderes zu machen. Als großer Fußballfan wollte ich gern in diesem Bereich arbeiten. Es gibt den Verein „Lernort Stadion“. Dazu gehört das BVB-Lernzentrum, eine Initiative des Vereins „Fan-Projekt Dortmund“. Dort arbeite ich als Teamerin: Ich halte Workshops und führe Jugendliche durch unseren wunderbaren Fußballtempel. Unser Bildungsangebot besteht aus Workshops zu Zivilcourage, Rassismus, Social Media und Inklusion für Jugendliche sowie Schulklassen. Außerdem arbeite ich einen Tag in der Woche im Büro der Dortmunder Tafel. Meine erforderlichen Pflichtstunden habe ich längst erreicht. Selbstverständlich werde ich bei beiden Organisationen weitermachen. Es bedeutet mir viel, so einen kleinen Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten.

Meinen größten Wettkampf hatte ich allerdings letztes Jahr zu bestreiten. Nein, es war nicht Corona! Im März 2020 erhielt ich die Diagnose Brustkrebs. Damit hatte ich im Leben nie gerechnet. Diese Nachricht haute mich die ersten zwei, drei Tage echt um. Als ich es realisiert hatte, dachte ich: Das nützt jetzt alles nix – Mund abputzen und aufstehen! Du hast schon so viele Wettkämpfe erfolgreich bestritten, dann schaffst du auch das! So nahm ich diese neue Herausforderung an. Es folgte das volle Programm: Chemotherapie, eine brusterhaltende Operation und Bestrahlungen. Heute geht es mir wieder gut, und der Tumor, das kleine geliebte Mistvieh, wie ich es getauft hatte, ist weg. Vor allem der Sport, die Unterstützung durch meine Familie, mein Netzwerk an Freundinnen und Freunden und die ganze BVB-Familie haben mir sehr geholfen. Corona fand ich während der ganzen Therapien oft schwieriger zu bewältigen. Meine Aktivitäten sanken von hundert auf null. Das war heftig. Gut, dass es Telefon und Internet gibt. So hatte ich immer Kontakt zur Außenwelt. Ich möchte Menschen ermutigen, nie aufzugeben. Denn es lohnt sich immer die Herausforderungen, die uns das Leben stellt, anzugehen. Mein Motto: Lebe deinen Traum!

Cornelia Dietz (59) lebt in Dortmund.  

Lust auf mehr?

Schwerpunktthema der Juli/August-Ausgabe der Sichtweisen sind die Paralympische Spiele. Wer wissen möchte, was aus relativ kleinen Wettbewerben werden kann, sollte den Artikel über deren Geschichte lesen. Beim International Low Vision Song Contest unseres Jugendclubs machten Musikerinnen und Musiker aus 17 Ländern Europas mit. Und Kerstin Griese, Mitglied des Bundestags und Parlamentarische Staatssekretärin, erklärt im Interview, was das Bundesministerium für Arbeit und Soziales unternimmt, damit Digitalisierung inklusiv gestaltet wird.

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