Lernen Sie die "Sichtweisen" kennen!

Wir wählen aus jeder Ausgabe unseres Verbandsmagazins "Sichtweisen" einen Beitrag aus und stellen ihn hier zur Verfügung - zum Reinhören und Reinlesen!

Wolfgang Wendlandt spielt Gitarre und singt mit einer Spielerin offenbar ein Lied. Er hat kurzes graues Haar; sie trägt eine auffällige weiße Sonnenbrille
Wolfgang Wendlandt spielt Gitarre und singt mit einer Spielerin offenbar ein Lied. Er hat kurzes graues Haar; sie trägt eine auffällige weiße Sonnenbrille. Bild: Privat

Spontan ein Loblied auf Linsen singen

Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 7-8/19

Wie ist das, mit wenig oder ohne Schauspielerfahrung mit anderen Improvisations- und Playbacktheater zu spielen? Katrin Georgieff, blind, und Beatrix Springmann-Fritsch, sehend, haben es ausprobiert und an inklusiven Theater-Workshops teilgenommen. Sie berichten über ihre Erfahrungen. Eine Erfahrung ist: Fehler zu machen ist unmöglich, da ja alles improvisiert wird.

„Mach doch nicht so ein Theater!“, rufen manchmal genervte Eltern, wenn der Nachwuchs sich trotzig, wütend, brüllend Gehör verschaffen möchte. Wir aber haben Theater gemacht: An zwei Wochenenden trafen sich in Berlin fünf blinde bzw. sehbehinderte und drei sehende Erwachsene aller Altersgruppen zu Workshops in Improvisations- und Playbacktheater. Wir spielten begeistert, angeleitet von Wolfgang Wendlandt, einem bühnenerfahrenen Playbackspieler, Regisseur und Psychotherapeuten sowie seiner ebenfalls bühnenerfahrenen Assistentin Linda Steuernagel.

Beim Improvisationstheater gibt das Publikum drei Wörter vor, die Spieler auf der Bühne müssen sich zu diesen Wörtern eine Geschichte ausdenken, also improvisieren. Zum Beispiel sagte unser Publikum „Indien“, „Reis“ und „Ratten“. Vier Spielerinnen und Spieler waren auf der Bühne, niemand wusste, wer beginnt und wie. Da traten zwei Spieler als „Ratten“ auf, später kam ein Ehepaar dazu, das sich über Ratten im indischen Reisfeld beklagte.

Notfalls unterstützen die Mitspieler

Die Ehefrau wollte Linsen anpflanzen und wurde vom Spielleiter gebeten, spontan ein Loblied auf Linsen zu singen. Oh! Das galt ja mir! Ich spielte die Ehefrau und sollte mir nun schnell etwas einfallen lassen! Normalerweise eine Situation, in der ich sehr aufgeregt gewesen wäre. Nicht so aber beim Improvisieren. Große Freude am Spielen, die Zuversicht, dass mir schon etwas einfallen wird, und die Gewissheit, dass ja noch meine Mitspieler da sind, die mich notfalls unterstützen konnten, trugen mich durch diese Situation. So hatte ich tatsächlich die Eingebung eines Lobliedes auf Linsen, das sich auch noch mehr schlecht als recht reimte. Das führte bei uns allen, Publikum, Mitspielern und mir zu fröhlichem Gelächter.

Es hätte aber auch ganz anders gespielt werden können: Wir vier Spieler hätten zum Beispiel reihum jeder nur ein Wort gesagt, dabei soll dann aber eine halbwegs sinnvolle Geschichte mit den drei vom Publikum genannten Worten herauskommen. Oder wir hätten jeder nacheinander ein paar Sätze sagen können, der nächste hätte dann fortgesetzt und die Geschichte weitererzählt.

Geschichten werden nachgespielt

Beim Playbacktheater erzählt jemand aus dem Publikum eine Geschichte, zum Beispiel ein Erlebnis. Die Spieler spielen nun diese Geschichte „zurück“ (englisch: „back“). Eine unserer Zuschauerinnen sprach beispielsweise von der Begegnung mit dem jungen Hund ihrer Nachbarn. Sie durfte jedem von uns vier Spielern eine Rolle zuweisen: die von sich selbst, der Nachbarin usw. Wir spielten dann spontan diese Geschichte nach.

Natürlich haben wir nicht gleich vor richtigen Publikum gespielt, sondern zuerst vier Tage intensiv die beschriebenen und andere Methoden des Improvisations- und Playbacktheaters geprobt. Außerdem übten wir spielerisch das deutliche Sprechen, das Aufeinander-Hören und die vielfältigen Fähigkeiten unserer Stimmen. Dabei standen wir im Kreis, und jemand sollte beispielsweise dem Nebenmann ein Geräusch mit der Stimme vorgeben, der Nebenmann ahmte dieses Geräusch so gut wie möglich nach und ließ sich für den nächsten Spieler im Kreis ein neues Geräusch einfallen.

Neben Mimik, Gestik und Körpersprache muss beim Spielen vor allem und unbedingt gesprochen werden, nur dann können Sehende und Seheingeschränkte gut zusammenarbeiten. Bei den Proben war ich einmal Co-Regisseurin und sollte gemeinsam mit unserem Leiter eine Geschichte erzählen, die von vier Spielern improvisierend umgesetzt werden sollte. Da ich vollblind bin, merkte ich nicht, dass einer der vier spontan ans Klavier ging und die Geschichte musikalisch untermalte. Als ich mir etwas ausdachte, das auch den vierten Spieler auf die Bühne hätte bringen sollen, merkte ich, dass es nur noch drei waren. Hier wurde allen deutlich, wie wichtig es ist, auch solche vermeintlichen Kleinigkeiten zu verbalisieren.
Mir gefällt am Playback-und Improvisationstheater-Spielen besonders, dass niemand Texte auswendig zu lernen braucht und dass es eigentlich unmöglich ist, Fehler zu machen, denn es wird ja alles improvisiert.

Wir würden uns über neue Mitspieler freuen. Wer gern ein wenig spinnt, Phantasie hat, gern etwas ausprobiert und zuhören kann, was die Mitspieler sagen oder tun, wird, wie wir, große Freude an dieser Art des Theaterspielens haben. Irgendwelche Vorkenntnisse braucht es nicht!

Katrin Georgieff (52) lebt in Leipzig


„Wir wurden lebendiger, selbstbewusster, mutiger“

Für mich als Sehende waren die Workshops eine großartige und berührende Erfahrung. Playback- und Improvisationstheater war mir durch mehrere Kurse bekannt, aber ich hatte vorher noch so gut wie keinen Kontakt zu seheingeschränkten oder blinden Menschen gehabt.
Bei den Aufwärmübungen mit den elf Teilnehmern ging es für die drei Sehenden immer wieder darum, die Augen zu schließen. Einmal sollten wir uns der Körpergröße, ein andermal dem Alter nach aufstellen. Es gab ein großes Hallo, bis wir uns entsprechend sortiert hatten. Der Sinn solcher Übungen ist es, andere Wahrnehmungen zu aktivieren und bei scheinbar einfachen Aufgaben, Bewegungsscheu und Berührungsängste zu verlieren.

Wünsche und Visionen auf der Bühne

Beim Playbackspiel wird die Geschichte, die eine Person erzählt, in der Regel von vier Akteuren dargestellt. Dabei werden insbesondere die Gefühle und die zentralen Aussagen der Erzählung lebendig und ausdruckstark in Szene gesetzt. Neben alltäglichen Erfahrungen wurden auch Wünsche und Visionen, Konfliktsituationen, Fantasiegeschichten und Familienereignisse auf die Bühne gebracht. Beim Improvisieren geht es vor allem darum, sich wohlwollend und unterstützend aufeinander zu beziehen und Spielfreude und Ausgelassenheit zu kultivieren. Ich habe gelernt zuzulassen, was an Spielideen hochkommt, meine innere Zensur wahrzunehmen und Hemmungen und Vorsicht zu überwinden.

So war es in der Gruppe möglich, selbst kleine Lieder oder Monologe zu den erzählten Geschichten zu präsentieren und die Aussagen dadurch zu vertiefen. Eine Teilnehmerin trällerte beispielsweise – für alle völlig unerwartet – ein Lied auf Schwäbisch frei von der Seele weg. Auch war es möglich, sich in der Regie-Rolle zu erproben und mit dem Spielleiter die Szenenabfolge im laufenden Bühnengeschehen zu steuern. So sammelten wir nicht nur Erfahrungen im Spielen, sondern auch im Moderieren und Regieführen. Immer wieder kamen wir an den Workshoptagen mit uns selbst und den anderen Teilnehmern in Kontakt und wuchsen so manches Mal über uns hinaus. Ja, wir haben viele spannende Lernerfahrungen gemacht!

Für mich waren zwei zentrale neue Erfahrungen wichtig. In vielen Spielsequenzen machte es für mich keinen Unterschied, ob wir sehend, blind oder seheingeschränkt waren. Das menschlich Verbindende stand im Mittelpunkt. Zum anderen: Meine Hemmschwelle und „Berührungsängste“ vor blinden oder seheingeschränkten Menschen entwickelten sich während des Workshops in mehr Respekt und aktive Teilhabe an ihrer Lebenswelt.

In der Gruppe ist das gegenseitige Vertrauen im Laufe des Workshops gewachsen. Das zeigte sich daran, dass die Wertschätzung und konstruktive Kritik offener wurden. Manchmal flossen bei mir Tränen der Rührung und des Glücks. Innerlich konnten Verhärtungen in Fluss kommen, und Spannungen haben sich gelöst. Unerwartet kam in einer Spielsequenz ein Schutzengel stellvertretend für mich zu Wort, der schmerzhaftes Erleben in Gefühle des Trostes und des Vertrauens verwandelte.

Theaterarbeit soll weitergehen

Insgesamt wurden wir lebendiger, selbstbewusster und mutiger. Das Pflänzchen des Vertrauens in unserer Gruppe von blinden, seheingeschränkten und sehenden Spielerinnen und Spielern wird hoffentlich weiter wachsen. Denn wir möchten die Theaterarbeit fortführen: Einmal monatlich am Wochenende wollen wir uns unter der Regie von Wolfgang Wendlandt und Linda Steuernagel treffen.
Am letzten Tag des Workshops gab es eine öffentliche Aufführung im Theater „BühnenRausch“, die großen Anklang bei Familien, Partnern und Freunden fand. Sie erzählten kleine Geschichten, und manche gewannen wir zum Mitspielen auf der Bühne. Offensichtlich ist unsere Spielfreude auf das Publikum übergesprungen.

Beatrix Springmann-Fritsch lebt in Berlin.

Infos und Anmeldung zu weiteren Playback-Workshops bei Torsten Resa,
Tel.: 030 / 28 53 87-281
E-Mail: t.resa@dbsv.org

 

Lust auf mehr?

In der Juli/August-Ausgabe lassen wir in unserem Schwerpunkt die Jugend zu Wort kommen. In der Rubrik „Menschen“ lernen Sie die blista-Schüler Lennja und Noah kennen. Und in der Rubrik „Service“ berichtet Matthias Klaus über neue Produkte bei der SightCity, die die Orientierung und den Büroalltag erleichtern.

In der September-Ausgabe wird der Schwerpunkt der „Sichtweisen“ auf der Nachberichterstattung vom Louis Braille Festival liegen. Falls Sie nicht selbst dabei sind, können Sie die Höhepunkte mit uns erleben. Oder Sie schwelgen gemeinsam mit uns in Erinnerungen.

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