"Sichtweisen"-Podcast

Hier finden Sie den Podcast des DBSV-Verbandsmagazins "Sichtweisen“, der aus zwei Reihen besteht:

  • Für „Leseprobe“ wählen wir aus jeder Ausgabe einen Beitrag aus und stellen ihn hier zur Verfügung - zum Reinhören und Reinlesen!
  • In der Hör-Reihe „Präsidiumsgespräch“ beleuchten DBSV-Präsidiumsmitglieder mit Gästen aktuelle Themen, die den Verband beschäftigen.

Präsidiumsgespräch

 

Leseprobe

Jürgen Dusel, ein Mann mittleren Alters mit dunklem Kurzhaarschnitt, sitzt an einem Tisch im Freien. Er hält die Hände gestikulierend vor sich, der Gesichtsausdruck ist ernst, der Mund zum Gespräch geöffnet. Er trägt ein weißes Hemd und dunklen Anzug

„Null-Toleranz für Null-Beschäftiger“

Jürgen Dusel bleibt Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Sechs Themen hat er zu Schwerpunkten seiner Arbeit erklärt, darunter Barrierefreiheit beim Wohnen, in der Mobilität und in der Gesundheit. Warum er an seinem Motto festhält und was ihn am Koalitionsvertrag der neuen Regierung besonders freut, erläutert er im Interview.

Interview: Ute Stephanie Mansion

Herr Dusel, Sie haben nach Ihrer Wiederernennung gesagt, dass in der neuen Legislaturperiode die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention weiterhin Richtschnur des Handelns sein muss, und dass der Koalitionsvertrag in dieser Hinsicht ermutigend ist. Was konkret finden Sie ermutigend?

Wenn ich im Koalitionsvertrag das Wort Barrierefreiheit suche, stelle ich fest, dass ganz viel Inklusion und Barrierefreiheit darin steckt, und das nicht nur in den klassischen Themen wie etwa Arbeit und Soziales. Inklusion betrifft viele Bereiche im Koalitionsvertrag, zum Beispiel Mobilität oder Digitales. Die Idee, dass Politik für Menschen mit Behinderungen alle Ressorts der Bundesregierung angeht, ist stark verankert.

Was mich besonders freut, ist, dass zum ersten Mal im Koalitionsvertrag steht, dass private Anbieter von Produkten und Dienstleistungen zur Barrierefreiheit verpflichtet werden sollen. Ich finde den Koalitionsvertrag ermutigend, aber jetzt muss er auch umgesetzt werden.

Als Ihre künftigen Arbeitsschwerpunkte haben Sie unter anderem genannt: Barrierefreiheit beim Wohnen, in der Mobilität und in der Gesundheit, Gewaltschutz und Teilhabe am Arbeitsmarkt. Was genau wollen Sie auf diesen Gebieten erreichen?

Es muss in Deutschland nicht nur mehr bezahlbaren Wohnraum geben, sondern auch mehr barrierefreien bezahlbaren Wohnraum. Nur barrierefreier Wohnungsbau verdient den Namen sozialer Wohnungsbau. Ich fordere, dass grundsätzlich Wohnungen, die öffentlich gefördert werden, nur noch barrierefrei gebaut werden dürfen. Damit wird auch Menschen, die jetzt in Einrichtungen leben, eine Möglichkeit eröffnet, in Wohnungen zu ziehen. Thema Mobilität: In Deutschland haben gerade Menschen mit Behinderungen große Schwierigkeiten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B zu kommen, und das in einem der reichsten Länder Europas. Das passt nicht zusammen, da müssen wir besser werden.

Auch das Thema Gewaltschutz ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Menschen mit Behinderungen sind deutlich häufiger Opfer von Gewalt in all ihren Formen. Frauen mit Behinderungen haben ein ungefähr zwei- bis dreimal so hohes Risiko, Opfer beispielsweise von sexualisierter Gewalt zu werden, wie Frauen ohne Behinderungen. Das sind die sechs Schwerpunkte, um die wir uns in dieser Legislatur neben vielen anderen kümmern möchten.

Wir vermissen bei den Schwerpunkten den Bereich Digitalisierung. Bei digitalen Angeboten stoßen blinde und sehbehinderte Menschen überall auf Barrieren. Welchen Stellenwert hat das Thema für Sie?

In der letzten Legislaturperiode habe ich das Thema Digitalisierung stark gemacht, beispielsweise mit der Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär. Digitalisierung ist ein Querschnittsthema unserer Tätigkeit, denn ob es um das Gesundheitswesen, um Mobilität oder Teilhabe am Arbeitsleben geht, spielt Digitalisierung eine zentrale Rolle. Das Thema ist auch im Koalitionsvertrag benannt, und es wird uns ins besondere im Zusammenhang mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz beschäftigen, das in dieser Legislatur nachgebessert werden wird. Digitales ist auf keinen Fall vergessen, sondern es ist als Querschnittsthema weiter bei uns auf der Agenda.

Welche Mitstreiter haben Sie an Ihrer Seite?

Da habe ich viele, und das macht mir Mut. Wir werden nur gemeinsam etwas erreichen können. Es ist zum Beispiel oft so, dass wir mit Selbstvertretungsorganisationen, auch mit dem DBSV, kooperieren. Beim Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen ist der Inklusionsbeirat angesiedelt – mit vielen unterschiedlichen Verbänden. Auch Einzelpersonen, etwa die behindertenpolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Regierungskoalition, engagieren sich stark. Es gibt also eine Menge Mitstreiterinnen und Mitstreiter, aber wir merken auch, dass es politische Kräfte gibt, die andere Themen in den Fokus nehmen. Das ist halt so im politischen Geschäft: Man muss Mehrheiten organisieren, um Dinge durchzusetzen.

Sie haben selbst eine Sehbehinderung, versuchen jedoch offenbar, keine Behindertengruppe zu bevorzugen. Ich nehme an, das ist kein Zufall, sondern Sie machen dies bewusst, oder?

Natürlich, es wäre aus meiner Sicht undenkbar, dass ich Behindertengruppen bevorzugen würde. Politik für Menschen mit Behinderungen ist in erster Linie Politik für Menschen, und da ist es gleich, ob ich eine Sehbehinderung, eine Hörbehinderung, eine kognitive Einschränkung oder eine Mobilitätseinschränkung habe – es geht um Menschen in ihrer Vielfalt. In allen Altersgruppen, Groß und Klein, Alt und Jung und mit unterschiedlichen Behinderungen.

Ihrer vergangenen Amtszeit haben Sie das Motto „Demokratie braucht Inklusion“ gegeben. Haben Sie auch ein Motto für die vor Ihnen liegende Amtszeit?

Das Motto wird bleiben: Demokratie braucht weiterhin Inklusion. Ich bin von diesem Satz felsenfest überzeugt. Es geht nicht um irgendetwas Nettes, um irgendetwas Fürsorgliches, sondern es geht bei der Teilhabe von Menschen in ihrer Vielfalt um etwas Urdemokratisches. Das macht die Stärke unseres Landes aus. Ich glaube an unsere Demokratie und halte es für wichtig, dass wir alle für unsere Demokratie eintreten, denn wir merken, es gibt auch politische Kräfte, die finden Demokratie nicht so attraktiv und Inklusion meistens auch nicht. Die versuchen, Gruppen von Menschen an den Rand zu drängen. Denen muss man klar entgegentreten und sagen: Wir leben in einem Land, das divers ist, das bunt ist, und wir begreifen das als Wert für unsere Gesellschaft. Das ist mir sehr wichtig, und deswegen bleibt dieses Motto „Demokratie braucht Inklusion“.

Der aktuelle Koalitionsvertrag steht ja unter dem Motto „Mehr Fortschritt wagen“, und ich bin auch davon überzeugt, dass Inklusion notwendig ist für den Fortschritt für alle. Fortschritt, von dem bestimmte Menschen und Menschengruppen ausgeschlossen wären, wäre für mich kein Fortschritt. Insofern passen auch Inklusion und Fortschritt zusammen.

Lust auf mehr?

Der Schwerpunkt der Mai-Ausgabe dreht sich diesmal um die Hilfe für Geflüchtete, die der DBSV für Menschen aus der Ukraine bereithält.

In der Rubrik „Menschen“ berichtet Angelika Poppe, wie sie mit 23 plötzlich blind wurde und dann ihr bewegtes Leben meisterte. In „Forum“ beschreibt Alice Rollet Stadtführungen in Berlin, die der DBSV-Jugendclub organisiert hat.

Sichtweisen auf DBSV-Inform Online

Sie können die Sichtweisen-Beiträge nun auch online aufrufen und hören: Unter www.dbsv-inform.org stehen sie ebenso zur Verfügung wie die Hörbeiträge vieler Landesvereine des DBSV.

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DBSV-Zeitschriftenverlag
Petra Wolff
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Tel.: 0 30 / 28 53 87-220.