Lernen Sie die "Sichtweisen" kennen!

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Portrait von Katrin Dinges, sie lächelt leicht in Richtung der Kamera. Sie ist mittleren Alters, hat mittelblonde, schulterlange Haare, ein ovales Gesicht und trägt ein dunkles T-Shirt.

Schätze, die jeder Tag bereithält

Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 10/2021

Tanzen, Gedichte und Geschichten schreiben, Velomobil fahren, Kunst machen und sie vermitteln, sich mit anderen vernetzen: All das gibt Katrin Dinges Kraft im Leben. Und die braucht sie, denn wegen gesundheitlicher Probleme muss sie immer wieder kämpfen, zum Beispiel mit Behörden oder Ärzten. Die Fähigkeit, auch kleine Sachen wertzuschätzen und dafür dankbar zu sein, möchte sie sich bewahren.

Von Katrin Dinges

Der Tiergarten in Berlin ist ein großer Park – in der Nähe wohne ich und fahre dort gern mit einem Velomobil durch die Gegend. Das ist ein Tandem mit Sessel vorne und Fahrradsattel hinten und mit einem Elektromotor. Es tut mir gut, im Freien zu sein. Ich kann ein bis zwei Stunden am Stück radfahren, aber wenn ich nur ein paar hundert Meter zu Fuß gehe, fängt mein Körper an zu meckern. Deswegen ist Velomobil-Fahren für mich der ideale Sport. Wegen meiner Blindheit könnte ich das ohne meine Assistentinnen oder meinen Vater aber nicht machen. Meistens fahren wir durch den Tiergarten oder an der Spree entlang. Auf einem Markt kaufen wir Gemüse, Obst oder Brot. Man darf auch anfassen und probieren. Ich mag diesen kleinen familiären Markt, weil ich dort auch viel lormen kann.

Lorm ist ein Tastalphabet für die Handinnenfläche; ich benutze es gerne, weil ich auch schlecht höre. Ich bin dankbar, dass es das Lorm-Alphabet gibt, denn da ich hörend aufgewachsen bin, kann ich nicht gebärden. Ich finde es stark, wenn sich jemand wie der Erfinder dieses Alphabets, Hieronymus Lorm, durchs Schreiben ernähren kann. Ich bin selbst Schriftstellerin, habe aber bisher nur einmal Geld für einen Text bekommen. Trotzdem mache ich weiter, weil ich weiß, dass ich es gut kann und bisher meistens tolle Rückmeldungen bekommen habe. Ich schreibe Gedichte, Essays und (Kinder-) Geschichten, in denen es ums Anders-Sein, um Einzigartigkeit, die Natur und Gesellschaftskritik geht. Vor Kurzem habe ich einen kleinen Beitrag für die taz geschrieben, in dem es um die Frage ging, was soziale Gerechtigkeit ist. Auch andere Leute aus Politik, Gesellschaft und Religion haben sich zu dem Thema geäußert, und es war ein tolles Gefühl, dabei zu sein. Außerdem habe ich beispielsweise ein Gedicht darüber geschrieben, was ich als Schätze empfinde, und ein Märchen, in dem es um Freundschaft, Solidarität und Tanz geht. Weil meine Texte im Internet eher verstreut zu finden sind, möchte ich eine eigene Homepage aufbauen. Wenn jemand Lust hat, mir dabei zu helfen, würde ich mich freuen.

Lange Zeit habe ich auch zeitgenössischen Tanz gemacht, sowohl in einer Gruppe als auch im Einzelunterricht, viel mit Musikbegleitung, manchmal auch ohne – meine Lehrerin meinte, dann sähe mein Tanz besser aus, weil ich mich nicht gleichzeitig aufs Hören konzentrieren muss. Wir haben mit bestimmten Bewegungsformen gearbeitet, in der Gruppe improvisiert, mit dem Körper Percussion gemacht und Bewegungsgeschichten erzählt (so ähnlich wie Pantomime). Leider ist das wegen Corona nicht mehr möglich. Ich würde gerne bald wieder daran arbeiten, meinen eigenen Stil zu finden, sowie die Freude am Tanz mit anderen teilen. Einmal fragte mich ein professioneller Tänzer, mit dem ich in einer semiprofessionellen Gruppe getanzt habe, ob ich das schon länger mache, denn ich sei gut. Da ist mir klargeworden, dass ich mit Unterbrechungen schon mein Leben lang tanze. Als blinde, fast taube Person könnte ich es jedoch nur schlecht unterrichten, auch wenn ich das total gerne machen würde.

Ich beschäftige mich auch mit fühlbarer Kunst, schreibe zum Beispiel Zitate mit Moosgummi-Buchstaben. Die sind bunt und man kann sie prima ertasten. Wir haben das auch schon in Brailleschrift geklebt. Das wirkt, glaube ich, sehr fröhlich. Auch Wolle liebe ich und möchte gerne wieder anfangen zu weben und verschieden dicke und strukturierte Wolle verwenden, sodass man das Muster fühlen kann. Außerdem stelle ich es mir schön vor, meine Gedichte tastbar zu gestalten.

Meine Kunst mache ich einerseits für mich, aber ich möchte sie auch anderen vermitteln. Deshalb bin ich freiberufliche Kunst- und Kulturvermittlerin in einer inklusiven Initiative namens „Platz da!“. Wir möchten Menschen helfen, Kunst besser zu verstehen und sie anregen, selbst künstlerisch tätig zu werden. Zum Beispiel haben wir mal Land Art und Lyrik miteinander verbunden. Land Art ist eine Kunstform, bei der man mit Sachen, die man in der Natur findet, Bilder gestaltet. Oder man gestaltet ein Kunstwerk direkt in der Natur, etwa an einem Fluss. Wir helfen auch in Museen, Barrieren abzubauen und gestalten kleine politische Aktionen. Wegen Corona bieten wir verstärkt digitale Veranstaltungen an.

Für mich sind Chats allerdings nicht barrierefrei, dafür brauche ich Assistenz. Leider ist es schwierig, sie vom Integrationsamt bewilligt zu bekommen. Ich fasse Sachen gern an, zum Beispiel die Pflanzen auf meinem Balkon. Dort habe ich dieses Jahr eine Menge Pflanzen aus Samen gezogen: Blumen, Kräuter und ein bisschen Gemüse. Die haben auch toll geduftet. Beim Kochen benutze ich Kräuter und Gewürze – ich liebe Zimt, Zitrone und Muskatblüte. Ich koche viel Gemüse, hin und wieder auch Fisch. Wegen meiner Stoffwechselerkrankung ist es manchmal schwierig, etwas Passendes zu finden.

Ich bin auch in einer Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit den Themen Krankheit, Gesundheit und Ableismus bzw. Behinderung auseinandersetzen. Es tut mir gut, mich mit ihnen auszutauschen und zu wissen, dass man mit einer schwierigen Situation nicht allein ist. Ich finde es hilfreich, sich gegenseitig zu ermutigen, Erfahrungen und Ideen auszutauschen und einander zu unterstützen. So ähnlich funktioniert auch mein Kraft-Newsletter. Darin erzähle ich von Sachen, die ich ermutigend finde und die mich bestärkt haben, zum Beispiel von Menschen und Orten, spannenden Websites, energetischen Angeboten, Büchern oder Artikeln, Gedichten, lustigen Geschichten und so weiter. Das ist überhaupt wichtig für mich: Vernetzen. Ich habe einen weiten Freundes- und Bekanntenkreis und lerne durch Projekte immer wieder neue Leute kennen.

Mein Leben mit chronischer Stoffwechselstörung, Dialyse und häufigen Diskriminierungserfahrungen, vor allem wegen meiner Schwerhörigkeit, ist manchmal anstrengend, aber es ist mir wichtig, auch die Schätze wahrzunehmen, die jeder Tag bereithält, auch wenn sie scheinbar klein sind. Das kann ein lieber Gruß sein, eine sich öffnende Blüte oder ein schöner Text. Auch die wenigen Berührungen, die trotz Corona möglich sind und Sprache ohne Worte ermöglichen, empfinde ich als kostbar. Ohne all dies würde es mir schwerfallen, immer wieder neue Kraft zu schöpfen. Denn tägliche Kämpfe führe ich genug: mit Ämtern, mit dem Jobcenter, leider auch mit meiner Familie oder Ärzten, die kein Verständnis für meine Situation haben. Zum Glück gibt es auch verständnisvolle Menschen, die mit mir kreative Lösungen erarbeiten, mir wunderschöne Dinge zum Fühlen zeigen, mit mir Kunst machen und mich einfach mit all meinen schwierigen und schönen Seiten so akzeptieren, wie ich bin.

Dass ich überhaupt noch Kostbares wahrnehmen und Menschen wertschätzen kann, ist bei meiner Situation ja erstaunlich – ich hoffe, dass ich mir das bewahren kann. Besonders freue ich mich, wenn Menschen von meinen Texten berührt sind. Einmal habe ich an einem Abend einen Text vorgetragen, von dem mir später jemand gesagt hat, der Nachbar hätte mit den Tränen gekämpft. Klar will ich keinen zum Heulen bringen, aber so einen Kommentar empfinde ich als Auszeichnung. Und wenn ich etwas Kostbares geben kann, bekomme ich auch wieder Kraft für mich selbst und weiß, warum ich nie aufgeben werde. Ich mag mich in manchen Fällen ratlos und hilflos fühlen, aber dann gibt es wieder Erlebnisse, bei denen ich denke: „Mensch, ist das toll!“ oder „Wow, das bin ich?!“ Dann erlebe ich mich selbst oder andere Menschen oder Dinge, die mir passieren, als Geschenk. So etwas wünsche ich jedem jeden Tag.

Katrin Dinges (35) lebt in Berlin. Wer einen Newsletter von ihr erhalten möchte, wendet sich per E-Mail an: dingeska@gmail.com

Lust auf mehr?

Wie Katrin Dinges müssen auch viele andere Menschen für ihre Rechte kämpfen. Für eine große Gruppe, nämlich Seniorinnen und Senioren mit Augenerkrankungen, macht dies zum Beispiel das Aktionsbündnis „Sehen im Alter“. In diesem Sommer hatte es wieder zu einer großen Fachtagung geladen – darüber berichten die Oktober-Sichtweisen in ihrem Schwerpunkt. Außerdem lesen oder hören Sie im Oktober ein Interview mit dem renommierten Wissenschaftler Botond Roska, der mithilfe künstlicher Netzhaut Gentherapien voranbringen möchte.

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